Zinnfiguren und Bleifiguren sammeln

Neben dem verschiedenen Blechspielzeug und der elektrischen Eisenbahn zumeist von Märklin, bei mir war es Rokal, gehörten für die meisten Jungs Anfang der 50er und 60er Jahre Zinnfiguren zum Standard-Repertoire in der Spielzeugkiste. Ich bekam meine ersten Zinnsoldaten im Jahre 1962 im Alter von 9 Jahren zu Weihnachten. Ergänzend dazu gab es eine Ritterburg, die ich leider schon länger nicht mehr besitze. Die Firma ist mir nicht mehr bewusst; ich weiß nur noch, dass ich Ähnliches auch bei ebay nicht mehr gesehen habe, dass sie aus Masse war mit einem glänzenden harten, fast lackartigen Überzug. Die Zinnfiguren statt Massefiguren, stehende und sitzende Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag, passten zwar zeitlich als auch thematisch überhaupt nicht zur Ritterburg, aber das war mir im damaligen Alter gar nicht aufgefallen und so ziemlich egal. Die Zinnfiguren hatte mein Vater mit Hilfe von Schablonen gegossen; in unserem Klempnerei-Betrieb gab es genug Zinnstangen, die zum Löten benutzt wurden. Die Zinnfiguren, in diesem Falle die Zinnsoldaten, wurden, wenn Zeit war, noch bemalt. Bei mir blieben die meisten unbemalt. Zinnfiguren als Tiere im Gehege

Nürnberg und Fürth waren die Zentren der Produktion von Zinnfiguren

Diese Schablonen-Zinnfiguren hatten natürlich nicht die Qualität der im Spielwarengeschäft angebotenen, die fertig bemalt aus dem Spielwarenzentrum Nürnberg/Fürth kamen. Nürnberg und Fürth war so etwas wie das weltweite Zentrum der Herstellung von Zinnfiguren. Überraschend ist dies nicht, da Nürnberg generell das Zentrum der Spielzeugindustrie war; Nürnberger Manufakturen waren aber auch bekannt für das Herstellen von Gebrauchsgegenständen aus Zinn. Die bereits vorhandenen Vertriebswege und Beziehungen von Nürnberger Händlern, heute unter dem Begriff Logistik bekannt, dürften der Verbreitung von Zinnfiguren von Nürnberg aus in alle Welt förderlich gewesen sein.
Die Fabrikation von Zinnfiguren reicht nunmehr fast 250 Jahre zurück. Um 1770 dürften die ersten Manufakturen, auch als Offizine bezeichnet, eröffnet haben. Bekannte Wegbereiter waren in Nürnberg Johann Gottfried Hilpert mit seiner Manufaktur und in der Nachbarstadt Fürth Johann Gottlob Lorenz.Indianer beim Kampf gegeneinander

Die Ideen der Aufklärung kamen der Verbreitung der Zinnfiguren entgegen

Das 17. und 18. Jahrhundert war geprägt vom zunehmenden Widerstand gegen Absolutismus und Feudalismus, vom Streben nach einem freien Menschen, dessen Entfaltung unter den Herrschaftsbedingungen der damaligen Zeit nicht möglich war. Die Entwicklung dieser Geisteshaltung, die als Aufklärung bekannt wurde und dem Humanismus des 18. Jahrhunderts Pate stand, bereitete schließlich den Boden für eine europaweite Revolution, die mit der Erstürmung der Bastille in Paris im Jahre 1789 begann und mit der Niederlage des Feudalismus und der parallelen Säkularisierung, der geistigen und materiellen Loslösung von kirchlicher Herrschaft, endete. Die freiheitlichen Ideen forderten natürlich auch im Bereich der Bildung und Erziehung ihre Umsetzung. Die freie natürliche Entwicklung des Kindes sollte unter anderem durch spielendes Lernen gefördert werden. Die Ideen eines Jean-Jacques Rousseau in Frankreich, eines Gottfried von Herder, Christian Gotthilf Salzmann und später eines Wilhelm von Humboldt in Deutschland oder eines Johann Heinrich Pestalozzi in der Schweiz, konnten nun der Umsetzung entgegen sehen. Die Zinnfiguren nahmen beim anschaulichen und spielenden Lernen eine nicht unbedeutende Rolle ein. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Beginn der Zinnfiguren und die Entwicklung neuer Erziehungsideale durchaus parallel erfolgte.

Die Vielfalt der Zinnfiguren

Die Vielfalt des Zinnspielzeugs umfasste nicht nur Figuren, sondern reichte bis zu ganzen Sortimenten für Puppenstuben wie Besteck, Pfannen, Töpfe oder gar Möbel. An Figuren wurde nicht nur Menschen, sondern auch nahezu alle einheimischen und auch exotischen Tiere dargestellt. Dies reichte von Pferden, Hirschen, Rentieren, Wildschweinen, Vögeln bis hin zu Elefanten und Affen. Die Zinnfiguren erlebten ab dem Zeitalter des Biedermeier einen regelrechten Boom. Die Zinnfiguren waren meist in ein größeres Thema eingebettet. Solche Themenfelder konnten Familienereignisse wie bestimmte Feste oder Feiern sein, Schulszenen, Darstellungen von Jagden oder Ähnlichem. Neben diesen privaten Themenbereichen wurden auch Themen aus fremden Ländern abgedeckt wie Indianerlager, Cowboys oder Wüstenkarawanen. Bekannte Nürnberger Hersteller waren Ammon, Lorenz, Allgeyer, Menna. Besonders hochwertig gerieten die Zinnfiguren, wenn bei ihren Vorlagen bekannte Künstler, Maler oder Grafiker mitgewirkt hatten beziehungsweise diese komplett die Vorlagen erstellt hatten. Zu den Offizinen, welche sich solcher Grafiker oder Künstler wie den Architekten Theodor von Kramer oder den Maler Paul Ritter bedienten, gehörte die Offizin von Ernst Carl Peter Heinrichsen, der wohl ab 1827 als Lehrling beim Zinngießer Ammon beschäftigt war, nach seiner Ausbildung als Graveur arbeitete, bevor er sich 1839 als Zinngießer selbständig machte. Sein Lizenzschein erlaubte ihm das „Gießen bleierner Kinderspielwaren aus sogenanntem Rose´schen schnellflüssigen Metalle“. Die Geschichte der Offizin Heinrichsen ist insofern bemerkenswert, als dass die Firma fast sämtliche ihrer 16.000 Formen sowie die kompletten Unterlagen seit ihrer Gründung 1839 archivieren konnte, so dass ein kompletter Spiegel der historischen Zeitschiene bis heute angefertigt werden kann.Soldaten mit Kanone

Der Informationsgehalt der Zinnfiguren

Das spielende Lernen gab den Kindern auch interessante Informationen über fremde Länder und über historisches und aktuelles Zeitgeschehen. Dies hatte seine Ursache darin, dass die Hersteller ihre Themen auch aus diesen Bereichen bezogen. Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, wie der Alltag in damaliger Zeit beschaffen war. Die großen, den heutigen Alltag beherrschenden Informationsmedien gab es noch nicht. Es war ein Alltag noch ohne Radio, welches erst 1896 von Alexander Stepanowitsch Popow erfunden wurde. Natürlich gab es auch kein Fernsehen und auch kein Telefon, das Phillip Reis 1861 erfand. Der Alltag musste also auch ohne Computer und Handy auskommen. Unvorstellbar! Informationen verschafften zum Beispiel Reisen mit der Pferdekutsche oder zu Fuß! Autos gab es auch noch nicht. Und andere Informationsmedien? Da gab es die ersten Druckexemplare, Zeitungen mit einigen wenigen Seiten und Bilderbögen, wie ich sie an anderer Stelle beschrieben habe. Ab etwa 1870 mit den Gründerjahren sind dann die berühmten Litfaßsäulen hinzugekommen. Mehr Information gab es nicht!Stehender Soldat
Insofern lag es natürlich auch im Verkaufsinteresse der Hersteller, auf aktuelle Vorkommnisse zu reagieren, aktuelle Themen zu besetzen und damit auch über den Wunsch, Neues zu erfahren, die Kaufbereitschaft ihrer Kunden anzufachen. Und über Neues gab es in jener Zeit der Entdeckungen, der Erfindungen, der Überseekolonien häufig zu berichten. Zinnfiguren ersetzten insofern auch ein Stück weit nicht vorhandene Informationsmedien bezüglich des Zeitgeschehens.

Zinnsoldaten eroberten die Kinderstuben

Mit dem Aufkommen erster kriegerischer Auseinandersetzungen verlagerten sich diese auch in die Kinderzimmer. Kriege und Schlachten nachzuspielen, gehört scheinbar zu den Standardspielen gerade bei Jungens. Ich selbst wurde, so meine ich doch, kritisch und gewaltfrei erzogen; dies hinderte mich allerdings nicht daran, beim Spielen mit meiner Burg Verteidigungsformationen als auch Angriffsformationen aufzustellen und beim Stürmen der Burg oder beim Zurückschlagen von Angriffen Gefallen zu finden.
Alle großen Hersteller von Zinnfiguren stellten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Armeen von Zinnsoldaten her, wobei selbst Armeen ferner Länder detailgetreu dargestellt wurden. Die Soldaten gab es liegend, stehend, knieend und konnten so vielfältig verwendet werden. Insbesondere der Krieg gegen Frankreich 1871 trieb die Produktion von Zinnsoldaten in die Höhe. Kaum ein Kinderzimmer, in welchem der richtige Krieg draussen nicht im Miniaturformat nachgespielt wurde. Der Sieg gegen Frankreich, der zur Gründung des 2. Deutschen Reiches führte sowie das Vorfeld des 1. Weltkrieges unterstützten diese Hausse der Zinnsoldaten. Allein im näheren Umkreis von Nürnberg sollen mehrere Hundert Figurenmalerinnen beschäftigt gewesen sein.
Neben den typischen flachen Zinnfiguren gab es bald auch halbplastische und vollplastische Figuren. Bei den plastischen Figuren zeichneten sich Firmen wie Spenkuch, Haffner oder Heinrich aus. Es sei auch erwähnt, dass neben den Zinnfiguren auch Bleifiguren vom Boom erfasst waren, die ebenfalls von Sammlern nachgefragt werden. Bleifiguren sollen zur Zeit des deutsch-französischen Krieges 1871 sogar überwogen haben. Sie waren generell halb- oder vollplastisch und hatten ihren Ursprung wohl in Frankreich.Indianer auf der Pirsch
Neben der großen Themenauswahl, denen die Zinn- und Bleifiguren zugeordnet werden konnten, variiert auch deren Größe von unter 3 cm bis zu über 20 cm. Letztere sind allerdings schon sehr selten. Neben dem Geschäft mit den Figuren florierte auch das Geschäft mit den Gießformen. Einige Firmen wie Schneider spezialisierten sich auf deren Produktion; auch die Soldaten zu meiner Burg hatte mein Vater mit einer Schneider-Gießform, mit welcher jeweils ein stehender und ein kniender Schütze gegossen werden konnten, gefertigt.

Umsatzeinbußen nach dem 1. Weltkrieg

Nach dem verlorenen Krieg mussten die Hersteller der Zinnfiguren enorme Umsatzeinbußen verkraften. Mit der Niederlage war die Faszination des Krieg spielen im Miniaturformat einer nüchternen Realität gewichen. Die große Zeit der Zinnfiguren-Industrie endete mit dem Weltkrieg. Viele der Hersteller gaben auf und schlossen ihre Pforten. Auch der Boom der Blechspielzeug-Industrie in den 50er und 60er Jahren konnten den Zinnfigurenmanufakturen nicht mehr helfen. Denn auch in den Kinderzimmern herrschte ein anderer Zeitgeist. Heute stellen die Zinnfiguren und Bleifiguren insbesondere des 19. Jahrhunderts aufgrund ihrer Funktion als Medienersatz eines der interessantesten Sammelgebiete dar. Einen ersten Eindruck über die Vielfalt der Zinnfiguren vermittelt die wohl größte Figurensammlung weltweit in der Plassenburg in Kulmbach in historischem Ambiente. Neben den über 300.000 Figuren werden auch über 150 Dioramen dargestellt. Davon besoders beeindruckend ist das Diorama von der Zerstörung Kulmbachs im Mittelalter im Jahre 1553 mit nahezu 20.000 Figuren.

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