Exponate der Wiener Werkstätte sammeln

Ende des 19. Jahrhunderts waren einige Künstler müde von der Schwere der vorherrschenden Innenarchitektur. Sie wollten sich dem Prunk und Protz der Gründerzeit abwenden und eine Erneuerung des Kunstbegriffes in den Bereichen Kunstgewerbe und Alltagsgegenstände erreichen. Das Leben sollte durch Künstler verschönert werden. Dem lieblosen, industriellen Stil sollten elegante, schlichte Unikate entgegengesetzt werden. Und so gründeten Anfang des 20. Jahrhunderts Josef Hoffmann, Koloman Moser und der Mäzen Fritz Wärndorfer die Wiener Werkstätte. Mit gleicher Hingabe wurden von ihnen eine Teekanne und ein Kleiderschrank kreiert. Mit gleichem Idealismus ist jeder alltägliche Gebrauchsgegenstand zu einem Kunstwerk geworden. Alle Bereiche des Lebens sollten homogen durchgestaltet werden und so dem Anspruch einer modernen Kultur genügen. Eindrucksvolle Meisterwerke sind zu jener Zeit entstanden. Viele können in Museen bestaunt werden. Einige befinden sich in den Händen von glücklichen Sammlern.

Wiener Künstler im Aufbruch

Ähnlich wie andere Metropolen Europas entstand auch in Wien im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Bewegung junger Künstler gegen die industrielle Massenware und dem historischen Stilkonglomerat. Sie wollten die Kunst und das Kunstgewerbe erneuern und so vereinten sich 1897 diverse Künstler unter der Leitung von Gustav Klimt zur sogenannten Sezession. Dadurch lösten sie sich von der Wiener Akademie, welche eher konservativ ausgerichtet war. Das Vorhaben der Sezession war, das gesamte Leben mit Kunst zu erfüllen. Die Mitglieder der Sezession, zu denen auch die Künstler Koloman Moser und Josef Hoffmann gehörten, träumten von der Verwirklichung ihrer Bestrebungen. Am 13. Mai 1903 war es so weit. Sie konnten unter finanzieller Unterstützung des Bankiers Fritz Wärndorfer eine Werkstatt gründen, in denen sie ihre künstlerischen Vorstellungen ausleben konnten. Die Wiener Werkstätte war geboren. Die Idee dazu lehnte sich an englische Vorbilder an und einer Auseinandersetzung mit den Arbeiten des Schotten Charles Rennie Mackintosh. Der funktionale und dennoch elegante Stil des schottischen Künstlers sollte die Werke der Wiener Werkstätte nachhaltig beeinflussen. Ferner hatte jener zusammen mit Josef Hoffmann die Wohnung des Mäzens Wärndorfer eingerichtet.

Die Wiener Werkstätte hatte mit ihrer Wurzel  Wiener Secession natürlich einen Schwerpunkt im Jugendstil, aber da sie bewusst verschiedene Stilrichtungen vereinte und sie die überbordende Ornamentik des Jugendstils überwinden wollte, stelle ich sie daher nicht unter die Kategorie Jugendstil, sondern behandele sie in diesem separaten Oberkapitel.

Die Gründung der Wiener Werkstätte ging mit einer beispiellosen Aufbruchstimmung der Künstler einher. Sie suchten voller Begeisterung die geeigneten Räumlichkeiten und richteten diese ein. Bereits am Abend des Einzuges war alles fertig und die kreativen Köpfe saßen zusammen, um einen Schaffensplan zu erstellen. Sie begannen mit einer Metall- und Silberwerkstätte. Einige Monate später wurde die Wiener Werkstätte durch eine Tischlerei, eine Buchbinderei, ein Baubüro, eine Lackiererei und eine Werkstätte für Lederarbeiten angereichert. Zwischen 1904 und 1920 kam ferner eine Modeabteilung hinzu, welche sich Stoffen und Tapeten widmete. Und so deckte die Wiener Werkstätte schnell alle Bereiche des täglichen Lebens ab. Dies entsprach ganz ihrem Ziel, Kunst in den Alltag einfließen zu lassen.

Das Schaffen der Wiener Werkstätte

Die ersten Arbeiten dienten der Einrichtung der eignen Werkstätten. Im Anschluss folgten Aufträge aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Es wurden Einrichtungsobjekte für Wohnhäuser und Geschäftsraume geschaffen. Der Schwerpunkt dabei lag nicht auf die Kreierung von Einzelobjekten. Vielmehr sollte ein vollständiges Interieur konzipiert werden, sodass ein Gesamtkunstwerk entstehen konnte. Ein eindrucksvolles Werk der Wiener Werkstätte ist sicherlich das Palais Stoclet in Brüssel. Sein Entwurf stammt zur Gänze von der Künstlergruppe. Heute ist das Palais Stoclet eines der wenigen Gesamtkunstwerke, welche aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen.

Das Palais Stoclet ist ferner ein Musterbeispiel für den Wiener Jugendstil. Dieser war zu einem durch eine konstruktive Spielart bekannte, die kubische Formen und eine strenge Tektonik bevorzugt hat. Damit hat sich der konstruktive Jugendstil ganz den ineinander verschlungenen Pflanzenformen abgewendet, welche so berühmt für die französische „Art nouveau“ gewesen sind. Aber die Wiener Werkstätte hat neben dem konstruktiven Jugendstil auch weitere Stile im Repertoire. So bediente sich der Künstler Michael Powolny bei seiner „Wiener Keramik“ an einer reichhaltigen Ornamentik. Seine Erzeugnisse sind seit 1906 über den Künstlerverbund vertrieben worden. Auch Vally Wieselthier und Dagobert Peche schufen Keramik in leuchtenden Farben und mit viel Fantasie.

Das Vereinen von unterschiedlichen Stilrichtungen wurde durch die vielseitige Produktpalette der Wiener Werkstätte ergänzt sowie gefördert. Zu den klassischen Gebieten des Kunsthandwerkes wie Möbel, Keramik, Glas und Metallarbeiten kamen diverse Werke aus dem Bereich der Gebrauchsgrafik. So entstanden Geschäftsdrucksachen, welche häufig zu typografischen Kunstwerken wurden. Auch Geschenkpapier, Theaterprogramme und Postkarten wurden von den Künstlern kreiert. Sehr erfolgreich waren zudem die Modeabteilungen und die damit verbundene Abteilung für Accessoires. Somit konnte die passende Bekleidung zur Inneneinrichtung erworben werden.

Der Wiener Werkstätte kam zeitweilig ein großer Erfolg zu, sodass weitere Verkaufsstellen errichtet worden sind. Viele davon waren in Wien. Andere wurden in Karlsbad, Marienbad, New York, Zürich und Berlin eröffnet.

Eine offene Gruppe an kreativen Köpfen

Im Unterschied zu anderen Künstlergruppen war nicht nur die Vielfalt an künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten in der Wiener Werkstätte groß. Ferner war dies auch ein Ausdruck der offenen Struktur. So war die Anzahl der Entwerfer und Künstler nicht genau festgelegt. Zudem existieren unterschiedliche Formen der Mitarbeit. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass in den Geschäftsräumen der Wiener Werkstätte auch Künstlerpuppen von Marion Kaulitz ausgestellt worden sind. Des Weiteren bestand eine enge Zusammenarbeit mit der ansässigen Kunstgewerbeschule. So lehrten nicht nur Moser und Hoffmann dort, sondern ihre Schüler durften auch an einigen Aufträgen mitarbeiten. So wirkte der Nachwuchs beispielsweise bei der Postkartenserie und bei der Einrichtung des Kabaretts Fledermaus mit. Letzteres ist ferner eines der Gesamtkunstwerke der Wiener Werkstätte. Von den Ansteckknöpfen des Platzanweisers bis zu den Programmheften unterlag das Theater einem einheitlichen künstlerischen Plan. Die Postkartenserie, welche zwischen 1908 und 1915 im Druck war, weist eine Auflage zwischen 200 und 1000 Stück auf. Bei Sammlern sind diese Karten sehr beliebt. So wurde beispielsweise im Jahr 2003 die Ansichtskarte „Krampus mit Kind“ für 11.000 Euro versteigert.

Kritik an der Wiener Werkstätte

Ein großer Kritiker der Wiener Werkstätte war der Wiener Architekt Adolf Loos. Er widersprach Josef Hoffmann und dem Künstlerverbund öffentlich, dass Kunst und Handwerk zu einem Gesamtkunstwerk verbunden werden müssten. Deutlich machte er seine ablehnende Haltung gegenüber dem Jugendstil klar. Er geißelte unentwegt den Formenreichtum der Wiener Werkstätte und den Stil Josef Hoffmanns.

Adolf Loos und Josef Hoffmann differierten insbesondere in einer Auffassung deutlich voneinander. So vertrat Loos die Meinung, dass deutlich zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk unterschieden werden müsste. Leider waren viele radikale Worte von dem Architekten nur eine oberflächliche Polemik. Beim Betrachten seiner Werke wird deutlich, dass keine tiefgründige Feindschaft gegenüber der Ornamentik bestand.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1918 wurde die Wiener Werkstätte durch eine neue Generation an Künstlern beeinflusst. Aufgrund der tristen wirtschaftlichen Situation wurde immer wieder erneut die Pracht der Ausstattung beanstandet. Da viele Männer an den Fronten des Krieges kämpfen mussten und teilweise sogar fielen, war die weitere künstlerische Entwicklung der Wiener Werkstätte durch weibliche Künstler geprägt. Eine Ausnahme stellte jedoch Dagobert Peche dar, welcher ab dem Jahr 1915 in der Werkstätte mitarbeitete. Ab dem Jahr 1917 leitete er die Filiale in Zürich. Peche wurde als Genie der Ornamentik bezeichnet, was nicht nur Unmut beim Kritiker Loos auslöste. Dies trug ferner zum sich abzeichnenden Niedergang des Künstlerverbundes bei. So konnten spätere Werke der Wiener Werkstätte nicht mehr abgesetzt werden. Ihr zu pompöses Erscheinungsbild entsprach nicht mehr dem Geschmack des Zeitgeistes der traumatisierten Nachkriegsjahre.

Eine Vision stirbt – das Ende der Wiener Werkstätte

Im Jahr 1914 übernehmen mit Otto Primavesi und seiner Ehefrau Mäda neue Financiers das Sponsern der Wiener Werkstätte. Dem Vorgänger Wärndorfers und seiner Frau kosteten die Leidenschaft für den Künstlerverbund und der beginnende Erste Weltkrieg das ganze Vermögen. Das gleiche Schicksal ereilte schließlich auch den Primavesis. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Wiener Werkstätte nach dem Ersten Weltkrieg gingen einher mit der vorherrschenden galoppierenden Inflation.

Die Wiener Werkstätte beteiligte sich im Jahr 1922 an der Deutschen Gewerbeschau München. Aufgrund des Konkurses des Bankhauses Primavesi wurde der Künstlerverbund so sehr wirtschaftlich geschwächt, dass sich der Betrieb nur mit einer Ausgleichsquote von 35 % vor der Insolvenz retten konnte. Zudem blieben die finanziell potenten Kunden aus. Die potenzielle Käuferschicht der Werke der Wiener Werkstätte war das Bürgertum. Dies hatte jedoch aufgrund der hohen Inflation einen großen Teil ihres Vermögens verloren, was sich auch noch auf die Jahre nach 1926 auswirkte. Der Künstlerverbund verpasste die Chance, sich auf eine marktorientierte Produktion einzustellen und eine realwirtschaftliche Betriebsführung durchzuführen. Stattdessen wurde an dem Dogma festgehalten, sich gegen die Massenproduktion zu wenden und teure Kunstwerke zu erschaffen. Die Wiener Werkstätte mit ihren einst so modernen Ansätzen war veraltet. Und so kam im Jahr 1932 das Ende des kreativen Künstlerverbundes. Die Restbestände, bei denen es sich um circa 7000 Objekte handelte, wurden zwischen dem 5. und 10. September in einem Aktionshaus veräußert. Viele von ihnen erzielten nur sehr geringe Preise. Heute gibt es wieder viele Sammler, die auf der ganzen Welt nach Stücken jener revolutionären Künstlerbewegung suchen.

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