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Sonntag, 01. August 2010
·Sammelgebiet Puppen ·Fa. Kämmer & Reinhardt -->Charakterpuppen ·Fa. Schildkröt --> Puppe Ursel ·Herstellungsmaterial

Puppen-Traumland <-> Spiel- und Sammlerpuppen

Schildkröt Puppen


Eine kleine Geschichte der Fa. Schildkröt

Die Firma Schildkröt produziert bis zum heutigen Tage Puppen. Im Jahre 1873 wurde die Firma in Mannheim im Stadtteil Neckarau unter dem Namen "Rheinische Hartgummiwarenfabrik" gegründet. Im Jahre 1883 wurde sie umbenannt in "Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik". Damit ist Schildkröt von den heute bestehenden Puppenherstellern der älteste. 26 Jahre nach der Gründung, im Jahre 1896, konnte die erste Puppe aus dem neuen Material Celluloid (Zelluloid) hergestellt werden. Dies war gegenüber den bis dahin verwendeten Materialien Holz, Papp- oder Papiermache, Porzellan oder Bisquitporzellan eine absolute Neuerung. Sie reagierte damit auf die industrielle Entwicklung in Verbindung mit maschineller Fertigung, Massenproduktion, Preisgestaltung und Nutzerfreundlichkeit. Die Puppen standen einen großen Grad an "Bespielbarkeit" aus, das heißt, man konnte sie abwaschen, wenn sie schmutzig waren und sie waren im Gegensatz zum Porzellan bruchsicher, wenn sie denn mal aus der Hand fielen.
Das Warenzeichen war die Schildkröte. Sie wurde im kaiserlichen Patentamt in Berlin registriert. Die "Rheinische" verwendete ihr Markenzeichen, die Schildkröte in einer Raute, seit 1895.

Das Material Zelluloid wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Engländer Alexander Parkes hergestellt. Die wichtigsten Bestandteile sind Nitrozellulose, auch bekannt als Schießbaumwolle sowie als Weichmacher Kampfer. Auch die Brüder Hyatt hatten 1869 in NewYork einen Kunststoff aus Zellulose und Salpeter- als auch Schwefelsäure hegestellt, welchen sie "Celluloid" nannten. Viele Puppenhersteller verwendeten das Material mit Beginn des 20. Jahrhunderts, so dass nicht, und dies sei dem Sammler gesagt, nicht jede Zelluloidpuppe aus dieser Epoche eine Schildkrötpuppe sein muß. Die Hochzeit der Zelluloidpuppen lag etwa zwischen 1925 bis zum Anfang des 2. Weltkrieges um 1940.

Die Rheinische Gummi- und Celluloidwarenfabrik gehörte um die Jahrhundertwende bereits zu den größten Zelluloidproduzenten weltweit. Ein großer Teil der Waren wurde in den USA abgesetzt. Dort wurde das Markenzeichen "Schildkröte ohne Raute" im Jahre 1899 patentiert. In Deutschland wurde das Markenzeichen "Schildkröte in einer Raute" ebenfalls 1899 angemeldet. Der Patentschutz für Schildkröte ohne Raute wurde mit selbiger Anmeldung rückwirkend bis 1889 geschützt.
Es sieht also so aus, dass offiziell ab 1899 die Puppen mit einer Schildkröte in einer Raute daherkamen, vor 1899 ohne Raute. Da die Firma allerdings bereits seit 1895 auch die Raute verwendete, ist zu vermuten, dass von 1895 bis zumindest 1899 beide Markenzeichen, sowohl mit als auch ohne Raute verwendet wurden. Ob die "Rheinische" nach 1899 zusätzlich noch das Markenzeichen ohne Raute verwendete, ist unklar, da viele Unterlagen wegen der Totalzerstörung des Werkes im 1. Weltkrieg nicht mehr zur Verfügung stehen.
Sicher ist, dass die "Rheinische" weltweit verkaufte, nicht nur in die USA; daher wird man als Sammler oftmals auch im Ausland fündig! Die Nachfrage aus aller Welt war damals groß, - das Sortiment der Firma fing bei Puppengrößen um 1,5 cm ! an. Sie besaßen bereits bewegliche Arme und Beine, die Köpfe waren entweder feststehend oder bewegliche Kurbelköpfe. Die Firma lieferte auch sogenannte "Badepuppen".
Mit Beginn des 1. Weltkrieges kam die Produktion zum Erliegen, es wurde auf Rüstungsproduktion umgestellt. Nach dem 1. Weltkrieg kam das Auslandsgeschäft nicht wieder in Gang. Die Firma wurde der Frankfurter IG Farben einverleibt. Die IG Farben war eine Trustbildung aus den größten deutschen Chemieunternehmen wie Höchst, BASF, Bayer , Agfa, Casella und vielen anderen wie dann auch die "Rheinische". Die nachfolgende Weimarer Republik mit ihren Goldenen Zwanzigern war auch eine äußerst erfolgreiche Zeit für die "Rheinische" Es wurden wohl auch Puppen aus Kunststoff hergestellt. Diese sind allerdings alle nahezu verschollen, wie auch sonstige Unterlagen oder Firmenkataloge. Solche tauchen erst ab den 30er Jahren wieder auf. Im 2. Weltkrieg wurde die Anlagen wiederum restlos zerstört. Als Mitglied bei den IG Farben, die wegen ihrer Nähe zum Hitlerregime unter besonderer Behandlung der Siegermächte stand, wurden sämtliche vorhandenen Bestände beschlagnamt. Die IG Farben selbst wurde wieder in die ursprünglichen Chemieunternehmen aufgeteilt. Nach dem Krieg wurde die "Rheinische" wieder eine eigenständige Firma.

Der Übergang zur reinen Zelluloidpuppe geschah in mehreren Schritten. Zunächst wurden nur die Köpfe aus Zelluloid hergestellt. Der Rest der Puppe bestand aus Leder oder Wachstuch. Teile des Kopfes konnten ebenfalls noch aus anderen Materialien hergestellt sein; so bestanden die Augen anfangs noch aus Glas. Später waren sie, wie wir es gut kennen, aufgemalt. Nach und nach wurde auch die Ellenbogen, Hände und Unterschenkel aus Zelluloid gefertigt, endlich dann der gesamte Korpus.

Die bekanntesten Schildkröt Puppen waren zu ihrer Hochzeit ab den 30er Jahren der Hans, die Bärbel, die Christel, die Inge und das Puppenbaby Strampelchen. Die Modelle wurden auch in kleinen Größen für die Puppenstube hergestellt.

Während der Nazizeit wurde kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges die an die arische Herrenrasse appellierende "Sonnenbraun-Puppe" zum Verkaufserfolg. Zu dieser Zeit standen auch die Ausstattungen der Hitlerjungen beim Hans sowie die des Bundes Deutscher Mädchen bei der Kleidungswahl Pate.

Nach dem Krieg wurde das brennbare Zelluloid durch das wesentlich stabilere und sichere Tortulon ersetzt. Ab 1950 wurde Celluloid aufgrund der hohen Brandgefahr verboten. Anbei sei erwähnt, dass die Schildkrötwerke bereits 1885 durch einen Großbrand fast völlig zerstört wurden. Die Erfolgsschlager Hans, Bärbel, Christel, Inge und Strampelchen werden als Neuauflagen ab 1952 aus Tortulon hergestellt. Bekannt sind auch noch die Erika und die Ursel. Die mit Tortulon verarbeiteten Modelle der Nachkriegszeit besitzen den auf Hals und Körper eingeprägten Buchstaben "T". Die Modelle konnten nun schlanker bearbeitet werden. Arme und Beine besaßen nun Kugelgelenke statt der früheren Scheibengelenke.

Im Jahre 1966 wurde die Firma umbenannt in Fa. Schildkröt AG. Die Firma Schildkröt verlagerte im Jahre 1993 ihren Standort ins thüringische Rauenstein. Dieser Ort liegt unweit von Sonneberg, dem ehemals weltgrößten Spielzeugwaren-Zentrum.

Neben hochwertigen Künstlerpuppen stellt die Firma Schildkröt auch Plüschtiere und Bären aus qualitativ besten Materialen her. Sie finden meist bei Sammlern ihre Abnehmer.

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