Ostalgie, DDR-Mania

Eine erste Annäherung

Der Begriff Ostalgie oder Ostalgia war völlig unbekannt, ihn gab es ja noch gar nicht, als ich im Jahre 1986 das erste Mal bewusst die DDR besuchte. Die DDR kannte ich bis dahin aus den Medien und den Westbesuchen unserer Verwandtschaft aus Dresden und Altenburg. Der Besuch im Jahre 1986 hatte eine Vorgeschichte: Anlässlich eines Kindergartenfestes 1985 ließen die Kinder, darunter mein Sohn im zarten Alter von 4 Jahren, Luftballons steigen. Es ging darum, wessen Luftballon am weitesten flöge. Dies konnte man natürlich nur nachweisen, wenn sich der Finder auch meldete. Einige Monate später meldeten sich die Finder, eine Familie aus Erfurt. Nach vielen Schwierigkeiten mit der Bürokratie konnten wir dann ein Jahr später unsere neuen Freunde in Erfurt besuchen. Während jener Tage konnte ich beobachten, dass sich viele der Dinge, die es bei uns im Westen kaum noch gab oder kaum noch zu sehen waren, in der damaligen DDR erhalten hatten. Hin und wieder konnte man ein altes Emailschild aus Vorkriegsjahren entdecken, auch einmal Werbefiguren in den kargen Schaufensterauslagen, verblichene Werbesprüche an den verwitterten Hauswänden oder verzierte eiserne Vorgartenzäune vor heruntergekommenen Bauruinen.

DDR-Mania und Ostalgie

Nach der Grenzöffnung stürzten sich viele Sammler und Geschäftemacher auf diese in der alten Bundesrepublik selten gewordenen Exponate. Aber es sind nicht diese Überbleibsel aus dem gemeinsamen Vorkriegsdeutschland, welche sich unter den Begriffen DDR-Mania, Ostalgie oder auch DDR-Design subsummieren lassen. Unter den letztgenannten Begriffen werden vielmehr die Produkte verstanden, welche in den Jahren der DDR als deren typische Erzeugnisse geschaffen wurden und den Alltag in der DDR bestimmten. Es sind diese Dinge, welche noch lange nach der Wende als Botschafter des schlechten Geschmacks kursierten und die erst langsam das Interesse der Sammler erheischten. Dies auch angesichts der Tatsache, dass sich eine Sammlerbewegung in den neuen Bundesländern erst entwickeln musste. Seit einigen Jahren kann nun wirklich von einer DDR-Mania gesprochen werden, was bedeutet, das sich die einstmaligen DDR-Produkte zu Kultobjekten entwickelt haben, die entsprechend stark nachgefragt sind. Da ein großer Teil der Sammler Beziehungen zur alten DDR besitzt, kommt gewiss auch ein nicht unbedeutender nostalgischer Aspekt hinzu, der in dem Begriff Ostalgie zum Ausdruck kommt.

Alltagsleben und Design

Nach meiner Einschätzung sind es vor allem zwei große Bereiche, die für den Sammlerbereich von Bedeutung sind und die doch relativ klar von einander unterschieden werden können.
Da sind zum Einen die vielen Dinge des Alltagslebens, die ich im Haushalt meiner befreundeten Familie, in deren Wohnung oder beim Besuch der iga (Internationale Gartenbauausstellung, heute ega-park) in Erfurt aufgefallen sind, welche ich damals – auch als Sammler! – noch gar nicht richtig einschätzen konnte. Es sind diese Nutzgegenstände, Lebensmittel oder auch Werbegegenstände, welche die Bewohner der DDR seit Anfang der 50er Jahre bis zum Ende der 90er Jahre zur Lebensbewältigung, zur Alltagsbewältigung benötigten.Simson Habicht

Bild links die Habicht vom Hersteller Simson

Zum Anderen gab es neben den Dingen des Alltagslebens auch jene, die ich als DDR-Design bezeichnen möchte, – Erzeugnisse, die nicht unbedingt jeden Haushalt erreichten, vielleicht selbst manchem DDR-Bürger unbekannt geblieben sind. Gemeint sind Erzeugnisse, die in der realsozialistischen Alltagswelt über die DDR hinaus bekannt wurden, andererseits aber auch oftmals nicht aus ihren Nischen herauskamen. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Erzeugnisse, die in Tradition des alten Bauhaus in Dessau hergestellt wurden; viele Designer des Bauhaus sind ja nach dem Krieg in der DDR verblieben.

Die profanen Gegenstände des Alltags

Natürlich ist das bekannteste Gesicht der alten DDR der „Trabi“, der Trabant, die „Rennpappe aus Zwickau“. Dieses Gefährt, eigentlich eine Unmöglichkeit als Auto, hat mich immer an den alten DKW der 50er Jahre erinnert; er wird heute von Sammlern gesucht und hat durchaus bereits Kultstatus erreicht. Der Trabant wurde noch bis zum Wendejahr 1990 hergestellt und erlangte durch „Go Trabi go“ Filmruhm. Gleichfalls gesucht sind die Kleinkrafträder des Suhler Herstellers Simson. Sie trugen alle Namen von Vögeln wie Spatz, Star, Sperber, Habicht und Schwalbe. Besonders die Schwalbe, die noch bis 1986 produziert wurde, wird auch in den alten Bundesländern gern gefahren. Selbst mein Sohn hat sich eine solche als Mofa im Thüringer Wald ersteigert, bevor er seinen PKW-Führerschein machte.  Trabis in Reihe, die reinste Ostalgie
Aus dem Bereich des Konsums, des Alltags, der Lebensmittel, der Spirituosen fallen mir spontan Produkte wie das Scheuermittel Ata ein oder die Erfurter Biermarke Braugold, f6-Zigaretten, die Riesaer Kinderseife, der Weinbrand Goldbrand, Rondo-Kaffee aus Magdeburg, das Waschmittel Spee, Tempoerbsen und Tempolinsen, die Vita-Cola aus Dresden, die Süßwaren Zetti oder auch der Nussaufstrich Nudossi. Manche Markennamen gab es auch in der alten Bundesrepublik wie den des Scheuermittels Ata; es sind Vorkriegsbezeichnungen, welche in beiden deutschen Nachkriegsstaaten weitergeführt wurden. Manche DDR-Bezeichnungen haben als Marke den Sprung in die neue Bundesrepublik überlebt. Ich denke dabei zum Beispiel an die Biermarke „Braugold“; die Zusammensetzung heute hat allerdings mit der zu DDR-Zeiten nichts mehr zu tun. Geblieben sind lediglich die Markennamen.

Eine lange Reihe von Trabis noch zu DDR-Zeiten bei meinem Besuch in Erfurt 1987

Aus dem Bereich des Spielzeugs und des Blechspielzeugs möchte ich noch den ferngesteuerten Wartburg von „Piko“ anführen.
Eine der interessantesten Sparten ist der der Werbung und Reklame, die in der realsozialistischen Wirklichkeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Trotzdem sind einige typische Werbefiguren erhalten geblieben, deren Charme viele Sammler aus dem Bereich Ostalgie erliegen. Viele dieser Figuren bestanden aus einem Holzkorpus oder wenigstens Holzkopf wie das Männchen mit Eimer und Besen des VEB Tierpark Berlin oder das Werbemännchen des FDGB-Feriendienstes mit Holzkorpus und gelbem Papphut mit der Aufschrift Feriendienst. Die Farbenfabrik Wolfen warb mit der fast 50 cm hohen Gipsfigur Mux oder der Holzfigur Blitzi. Ganz berühmt sind natürlich der Sandmann sowie das Messemännchen der Leipziger Messe. Dieses Männchen mit einer Tragetasche in der Hand und einem blauen Hut mit den beiden Buchstaben „M“ wurde wie auch der Sandmann 1964 von Gerhard Behrendt entworfen. Hanns-Eberhard Ernst schuf die Gummifigur der Sendung „Tele-Lotto“. Diese Figur, ca. 13 cm groß, quietschte beim Zusammendrücken. Als Vogel, nämlich Pirol, kommt die Plastik-Figur des VEB Minol, der „Minol-Pirol“, daher. Bekannt ist auch noch die Werbepuppe „Florena“, die „Liesel von der Post“ oder die Gärtnerinnenpuppe „Florinchen“ mit dem Strohhut und der Sonnenblume in der Hand . Sie warb für die iga in Erfurt. Manch ein Leser wird wohl weitere Werbefiguren der ehemaligen DDR kennen.

Plaste und Elaste

Auffällig viele Gegenstände des alltäglichen Lebens, heute im Mittelpunkt der Welle der Ostalgie, waren aus Plastik. Der DDR-Sprachgebrauch bezeichnete diesen Kunststoff als Plast. Die Hinwendung zu Plast als Hauptgrundstoff für die Dinge des täglichen Gebrauchs war der Rohstoffarmut der DDR geschuldet. Um Rohstoffe auf dem Weltmarkt zu erwerben, bedarf es in der Regel Devisen. Da allerdings die Industrie der DDR schon in den 60er Jahren am Boden lag, sie international nicht wettbewerbsfähig war, konnten auch keine Devisen erwirtschaftet werden, zu mindestens nicht in dem Maße, welches für einen Einsatz adäquater Rohstoffe nötig gewesen wäre. Der Ölreichtum des „Bruderstaates“ Sowjetunion, der für die jahrelange Ausbeutung und Auszehrung der neuen Bundesländer verantwortlich war, war dann auch die Basis für die Produktion von Plast in großem Stil. Öl bezog die DDR im Tausch mit Gütern, die allerdings nie den westlichen Standard erreichten. Es waren dies zum Beispiel industrielle Konsumgüter, Maschinen und Transportmittel. Aber auch die UDSSR beharrte immer mehr auf Erhöhung der Qualitätsstandards und kürzte daher in den 80er Jahren auch die Öllieferungen. Trotzdem war die Kunststoffproduktion, eigentlich das Kennzeichen der Mangelwirtschaft, der Königsweg aus der Rohstoffkrise. Kaum ein Bereich, der nicht von Plaste und Elaste erfasst wurde. Ob Haarfön, Aschenbecher, Einkaufsnetze, Geschirr, Lampenschirme, der Mantel technischer Geräte, Spielwaren, Zitronenpressen, Vasen, Möbel, – die Aufzählung könnte noch ewig weitergehen, die Plastikwelle machte vor nichts halt. Selbst die Karosserie des Trabi wurde aus Plast hergestellt. Hinterfragt man heute den Begriff Ostalgie, so liegen die Antworten oftmals in diesem Dunstbereich der Kunststoffwelt der ehemaligen DDR. Sie ist schon ein Sammelgebiet für sich.
Als Plast kamen Kunststoffe wie Polyvinylchlorid (PVC), Polystyrol, Polyamid, Polyester und Polyurethan (PUR) auf den Markt. Polyurethan wurde bekannt als Kunststoff für die Möbelreihe „variopur“. Während man unter „Plaste“ die festen unverformbaren Kunststoffe subsummierte, verstand man unter „Elaste“, abgeleitet von Elastomere, elastische, verformbare aber formfeste Kunststoffe. Beispiel wäre die Quietsche-Ente, die den Ton beim Zudrücken hergibt, nach Loslassen aber wieder ihre Ausgangsform annimmt.

DDR-Design

Es überrascht, dass es in dieser von Mangelwirtschaft und künstlerischer Einförmigkeit gekennzeichneten Umgebung doch so etwas wie ein Design gab. Das Bauhaus mit verschiedenen Designern war ja in der DDR verblieben. Künstler wie Mart Stam, der später wieder in den Westen ging, Marianne Brandt, Friedrich Bundtzen, Rolf Roeder, um nur einige zu nennen, arbeiteten nichtsdestotrotz in einer nicht immer geduldeten Nische. Eine Fachzeitschrift für industrielle Formgestaltung „form + zweck“ erschien bis zum Jahre 1990. Die Produkte waren mutig, aber ungemein sachlich und funktional und machen heute einen wesentlichen Bestandteil der Ostalgie aus. Dies sind auch aus meiner Sicht die Produkte, die den Stolz der ehemaligen DDR-Bürger wieder reanimieren un die es sich wirklich lohnt zu sammeln. Ich denke hierbei zum Beispiel an die Isolierkannen von Margarete Jahny, das Kaffeegeschirr aus Elsterwerda von Erich Kruse, das Bügeleisen „Acosta“, welches mich an die Bügeleisen von Rowenta aus den 60er und 70er Jahren erinnert, an das Handrührgerät „Komet“, die Kamera „beirette“, die Schreibmaschine Erika, Colditzer Geschirr, Diamant-Fahrräder aus Chemnitz, Jenaer Glas, Trolli-Rasenmäher aus Oberschöneweide, Veritas-Nähmaschinen aus Wittenberge und so fort.
Der Liebhaber von Ostalgie kann sich also auf eine ganze Reihe von Produkten aus dem Gebiet des DDR-Designs konzentrieren oder aber sich dem großen Bereich von Plaste und Elaste widmen. Vorteile der Sammelgebiete ist das überschaubare Produktionszeitfenster, welches mit der Lebensdauer der DDR identisch ist.

Literatur

Als Literatur zum Thema DDR-Design möchte ich das Buch von Günter Höhne empfehlen: „Penti, Erika und Bebo Sher. Klassiker des DDR-Designs.“ Das Buch hat 276 Seiten mit 570 Abbildungen und ist im Jahre 2001 im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin erschienen.

Penti, Erika und Bebo-sher: Die Klassiker des DDR-Designs

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