Mid-Century

Nicht nur die Nierentisch-Ära steht für das Design des Mid-Century

Wenn wir bislang von der Nierentisch-Ära gesprochen haben, so besteht das Design der Nachkriegszeit mitnichten ausschließlich aus solchen typischen Formen. Die Zeit des Mid-Century, also die Zeit von etwa nach dem 2. Weltkrieg bis in die 70er Jahre hinein, umfasste Möbel, Grafik, Architektur, Mode, Keramik, Glas, ja strahlte bis in die Sparte des Blechspielzeugs und Plastikspielzeugs hinein. Nicht nur bei den Möbeln, bei der Wohn- und Esskultur, der Wohneinrichtung zogen auch viele Design-Vorstellungen aus dem Ausland mit ein. Insbesondere in letzteren Bereichen waren, wie sollte es nach dem Krieg anders sein, Zweckmäßigkeit und Stabilität sowie Handhabbarkeit und Funktionalität als Merkmale von Design, angesagt. Das, was das auf Handhabbarkeit und Brauchbarkeit, und nichts anderes bedeutet Design, ausgerichtete Bauhaus der Weimarer Republik nicht schaffte, war nun in den 50er Jahren und bis in die 60er Jahre hinein möglich, nämlich weite Teile der Bevölkerung für Funktionalität, Zweckmäßigkeit und klare Linien und Formen zugänglich zu machen. Dies war gewiß nicht einfach bei einer Nation, welche jahrzehntelang dem Pomp und den überbordenden Schnörkeln der Gründerjahre verfallen war.

Teakvitrine der 50er Jahre, dänisches Design, Sammlerwert ca. 1.200 Euro

50er Jahre-Design am Beispiel einer Teakvitrine
Zugute kam dem neuen Design, dass im Zuge des Wiederaufbaus, und zwar des möglichst schnellen Wiederaufbaus, der Mietwohnungsbau weit weniger großzügig ausfiel und die Wohnungsgrößen nicht mit denen der zerstörten Altbauten zu vergleichen waren. Funktionale platzsparende Möbel waren nun einerseits angesagt. Bei der Mehrheit der Bevölkerung reichte es zu einfachen mit farbigem Resopal beschichteten Gebrauchsmöbeln. Irgendwie passten diese babyfarbenen Möbel in die langweiligen Reihenhäuser, die als einzige Farbtupfer diese nierenförmigen Balkons besaßen, mit farbigem Wellplastik nach vorne verkleidet. Auf der anderen Seite sorgten Architekten wie Mies van der Rohe oder Le Corbusier bei ihren Neubauten für völlig neue Wohneinheiten, welche auch großzügigen Möbeln ein entsprechendes Angebot machte.

Bauhaus-Einfluss und Eames-Ära

Nicht gerade billig, aber auch typisch für die 50er und frühen 60er Jahre waren die intelligenten Gestaltungsformen, die aus den USA und aus Skandinavien, und hier überwiegend aus Dänemark, zu uns Deutschen herüberschwappten. Sie waren ornamentlos und auf die Grundformen reduziert. Leitidee war die Ergonomie, also die Handhabbarkeit eines Gegenstandes, auf die Bedürfnisse und Bewegungsabläufe des menschlichen Körpers zugeschnitten. Während in Deutschland die reinen Formen des Bauhauses und des Deutschen Werkbundes an Einfluss gewannen, hießen die Architekten des amerikanischen Designs Charles Eames (1907 – 1978), Eero Saarinen (1910 – 1961) oder auch Harry Bertoia. Ein Begriff ist heute die nach Charles Eames benannte „Eames-Ära“. Ihre weltbekannten, heute von Sammlern gesuchten schalenförmigen Sitzelemente, Sessel, Stühle etc. nahmen neben Holz auch andere innovative Werkstoffe wie Kunststoff und Plastik auf.
Daneben tauchten neue Techniken wie schichtenverleimtes Sperrholz auf. Die Erfindung der Dreischicht-Spanplatte gelang übrigens der deutschen Firma Behr in Wendlingen, die sich hierzulande auf dem Gebiet der Holzverformung einen Namen machte. Deutsche Designer von Weltruhm waren Dieter Waeckerlin oder Hans Gugelot. Etliche deutsche Designer, deren Ideen während der Kriegsjahre unter Geld- und Materialmangel litten, fanden nach dem Krieg in den USA den finanziellen und geistigen Raum, viele ihrer Ideen zu verwirklichen. Stellvertretend möchte ich an dieser Stelle Walter Gropius und Charles Breuer erwähnen.

Die skandinavischen Designer

Großen Einfluss übten auch die skandinavischen Designer aus. Jeder, der in den 50er oder 60er Jahren aufwuchs, kennt aus seinem ehemaligen Kinder- oder Jugendzimmer die berühmten Stringregale. Es waren dies Systemregale, also immer wieder erweiterbar mit auch unterschiedlichen Brettertiefen. Die Bretter waren je nach Qualität furniert oder aus Ganzholz, wobei Teak, Eiche und Buche dominierten. Der Korpus selbst bestand aus einem Stahldrahtsystem, auf dessen Stegen die Bretter angebracht wurden. Das String-System, welches seine Bezeichnung den Namen seines Erfinderehepaares, den dänischen Designern Karin und Nisse Strinning verdankte, konnte platzsparend im Stile der Zeit hängend an der Wand angebracht werden oder aber auf dem Boden stehend. Das System beinhaltete verschiedenste Elemente wie offene oder zu schließende Schränkchen in unterschiedlichen Größen.Stringregal im 50er Jahre-Design
Neben den Stringregalen waren natürlich die verschiedensten Ausstattungselemente, wo Holz verwendet wurde, beeindruckend. Stühle, Schreibtische, Vitrinen, Garderoben von schwedischen, finnischen, aber hauptsächlich dänischen Designern und Architekten waren plötzlich nachgefragt und sind aufgrund ihrer hohen Qualität und ihres zeitlosen Aussehens heutzutage sehr gesucht. Bei den Möbeln wurden vorwiegend Edelhölzer verwendet, in der Mehrzahl das fantastische Teakholz, aber auch Palisander. Die Maserung dieser edlen Hölzer wurde durch einfachste Techniken wie Ölen betont, die Kanten der Möbelstücke waren in vielen Fällen rundlich abgeschliffen. Die Technik, die die Designer und Architekten wie H.J. Wegener, Peter Hvidt, Arne Jacobsen, Tapio Wirkkala, Arne Vodder, Alvar Aalto, Ole Wanscher, Bruno Mathsson, Jens Risom oder Verner Panton, der übrigens auch für Thonet entwarf, einbrachten, wird im heutigen Möbelbau kaum mehr erreicht.

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