Westerwälder Steinzeug sammeln

Das Kannenbäckerland

Die Geschichte des Westerwälder Steinzeuges ist mit der Geschichte des Kannenbäckerlandes untrennbar verbunden. Kannenbäcker, so wurden und werden im Südwesten des Westerwaldes die Töpfer genannt, die Kannen und Krüge aus Ton brannten. Diese Töpfergegend wird bereits über 200 Jahre so genannt; Haupterzeugnis war das blaugräuliche, oftmals auch weiße oder ins bräunliche gehende Steinzeug, welches mit der berühmten Salzglasur überzogen war. Das Kannenbäckerland ist ein Landstrich mit einigen kleinen Orten rechts des Rheins, vielleicht in der Größe von 20 x 30 Kilometern Ausdehnung. Es beginnt bereits etwa fünf Kilometer nördlich von Koblenz bei Vallendar und zieht sich dann zunächst beiderseits der Autobahn A 48 Richtung Nordosten, später nur noch nördlich der A 48 bis etwas zur Autobahn A 3. Ungefähr drei Kilometer nördlich von Vallendar zählt die Gemeinde Bendorf dazu, etwa drei Kilometer östlich die Gemeinde Hillscheid. Von hier aus erreicht man Richtung Nordosten die Orte Höhr-Grenzhausen und Grenzau; von Grenzau ist es dann nicht mehr weit nach Alsbach und Ransbach-Baumbach sowie Mogendorf und Wirges an der A 3. Obwohl, wie wir an anderer Stelle bereits berichtet haben, die Töpfertradition im Kannenbäckerland weit in die vorchristliche durch Funde belegt ist, gilt die Töpferei in Höhr aus dem Jahre 1402 offiziell als die älteste. Voraussetzung für die Keramikproduktion sind die riesigen Tonvorkommen im Kannenbäckerland, die als die größten in Europa gelten. Sie haben zudem den Ruf, besonders rein zu sein. Die eher bäuerlich ausgerichtete Tradition erfuhr seinen insbesondere künstlerischen und qualitativen Aufschwung durch die Zuwanderung von versierten Steinzeugherstellern vom nahe gelegenen Rhein aus Raeren und Siegburg oder aus dem nahe gelegenen Lothringen.

Ausbreitung der Steinzeugproduktion und künstlerischer Höhepunkt im 17. Jahrhundert

Der ökonomische Erfolg des Gewerbes führte in der Grafschaft Wied im Jahre 1643 zur Etablierung einer Zunft der Kannenbäcker, der die Manufakturen rund um Höhr-Grenzhausen angehörten. Die nun aufwendiger hergestellten Steinzeugprodukte mit feinsten Reliefs versehen hatten natürlich nun auch den Geldadel als Klientel im Focus. Die Motive der Reliefs waren oftmals biblischen Inhalts; daneben waren Wappendarstellungen, wohl auch der Kundschaft Adel und reiches Bürgertum geschuldet, häufig. Die wirtschaftliche Blüte führte zur Gründung von immer mehr Manufakturen. Zudem brachte das aufkommende Zeitalter des Barock eine neue Formenvielfalt mit sich. Die Form der Krüge änderte sich im Barock zu runden Formen; insbesondere die Birnenform ist typisch für dieses Zeitalter. Dies ist auch aus anderen künstlerischen Bereichen bekannt.

Birnkrug aus Westerwälder Keramik

Birnförmiger Krug aus dem Kannenbäckerland. Verzierung Manganblau mit Ritzmustern. Vermutlich Ende 19. Jahrhundert

Die aus dieser Zeit stammenden Birnkrüge sind bei Sammlern hochbegehrt. Weiter typisch für das Barock sind die rosetten- und rautenförmigen Reliefs, manchmal flächendeckend. Der Farbfreude des neuen Zeitalters war die Einführung der neuen Steinzeugfarbe Manganviolett geschuldet. Manganviolett wird aus Manganphosphat gewonnen; eine Vorstellung von der Kraft dieser Farbe bekommen wir, wenn wir an den Chemieunterricht unserer Schulzeit denken, wenn wir Kaliumpermanganat in Wasser lösten.

Das Zeitalter der Fayencen und der Niedergang der Steinzeugmanufakturen im 18. Jahrhundert

Der Aufschwung führte zunächst dazu, dass zum Beispiel im Jahre 1771 die Zunft der Kannenbäcker auf etwa sechshundert Mitglieder angewachsen war. Die Manufakturen verteilten sich nun schon auf 23 Orte. Das oben beschriebene Kannenbäckerland erfuhr hiermit auch eine geringe territoriale Ausdehnung. Auffallend hoch war allerdings mit ca. zwei Dritteln der Anteil nicht ausgebildeten Handwerker. Es wollte einfach jeder vom wirtschaftlichen Aufschwung prosperieren ungeachtet seiner eigenen handwerklichen Qualität! Dieser Tatsache sowie dem in diesem Jahrhundert machtvollem Auftreten der Fayencen und der Verbreitung der Fayencetechnik quer durch Europa und zu dieser Zeit speziell in Deutschland war die zunehmend geringere Nachfrage nach Steinzeug geschuldet. Den Fayencen mit ihrer Vielgestaltigkeit und Farbprächtigkeit konnte man einfach nicht wiederstehen, und wer es sich leisten konnte, erstand die Produkte dieser nun auch in Deutschland angekommenen neuen Keramikart. Auch die aufkommende Mechanisierung und Industrialisierung und damit verbunden eine Massenherstellung bestimmter Artikel erforderte neue Verkaufswege. Wedgwood in England war in dieser Beziehung ein Vorreiter mit seinen Vertriebswegen per Schiff und der Einführung von regelrechten Versandkatalogen. Ritzmustertechnik auf Westerwälder BirnkrugDiesen neuen Ausgangsbedingungen folgend wurde nun die Herstellung von Wasserflaschen zu einem Schwerpunkt der Westerwälder Töpfer.

Auf dem rechten Bild ist sehr schön die Ritzmustertechnik auf den Westerwälder Steinzeugprodukten zu erkennen

Und da in Adel- und Geldkreisen der Fokus eindeutig auf den Erwerb von Fayencen gerichtet war, produzierten die Westerwälder wie schon Jahrhunderte zuvor nun vor allem wieder Gebrauchsgüter des Hausbedarfs für die einfache meist bäuerliche Familie. Die Qualität litt unter dieser neuen Ausrichtung. Bezüglich der Ausschmückung und der Dekors reduzierte sich die Ausgestaltung ab Mitte des 18. Jahrhunderts überwiegend auf die Ritzmustertechnik sowie die Farben Manganviolett und Kobaltblau.

Verdrängung durch die Steingutmanufaktur und weiterer Niedergang im 19. Jahrhundert

Die Erfindung des Steinguts durch Joshua Wedgwood in England sowie der massenhafte Vertrieb dieser porzellanähnlichen Keramik auf das europäische Festland bedeutete das Aus für viele Steinzeugproduzenten. Die von Hand hergestellten Steinzeugprodukte konnten den immer mehr industriell und damit auch wesentlich günstiger produzierten englischen Waren nichts mehr entgegenhalten. Steingut war nun auch, im Gegensatz zu den Fayencen, die mit den selben wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten und gleichfalls der Konkurrenz durch das Steingut ausgesetzt waren, für den kleinen Verbraucher erschwinglich.

Stabilisierung im 20. Jahrhundert

Das Überschwappen der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland führte auch hierzulande zu einer wesentlich rationelleren Herstellung des Steinzeugs und damit zu niedrigeren Herstellungskosten. Beispiel sei hierfür die Anwendung von vorgefertigten Gipsformen, in welche die Tonmasse eingebracht wurde. Gründerzeit und anschließender Historismus ließen sogar Malereien und Reliefs wieder aufleben. Es wurde sich der alten Fertigkeiten erinnert. Insbesondere das Zeitalter des Jugendstils anfangs des 20. Jahrhunderts brachte immer wieder hervorragende Beispiele künstlerischer Handwerkskunst hervor. Bedingt war dies allerdings auch durch staatliche Unterstützung, welche auch dazu führte, dass namhafte Künstler für die Manufakturen im Kannenbäckerland neue Produkte entwarfen; beispielhaft sei an dieser Stelle nur der Jugendstilkünstler Henry van der Velde genannt.

Heute ist das Kannenbäckerland wieder führend in Deutschland in der Herstellung keramischer Artikel. Es wird allerdings nicht nur Steinzeug produziert, sondern die gesamte Breite des keramischen Bedarfs ausgefüllt. Neben den ursprünglichen Bereichen Haushalt, täglicher Bedarf und Kunsthandwerk sind unzählige neue Artikel für den Haus- und Gartenbedarf sowie für die Bau-, Sanitär- und pharmazeutische Industrie hinzugekommen.

Die Technik der Salzglasur

Zu guter Letzt möchte ich noch kurz auf die für die Steinzeugproduktion so bekannte Salzglasur zurückkommen. Denn die Technik der Salzglasur ist eine spannende. Nach Bemalung der Rohware wurde diese in die Öfen eingesetzt. In die Öfen passten schon einige Hundert an bemalten Rohexemplaren. Sie wurden dort gut platziert; danach wurde mit der Holzbefeuerung begonnen. Das Brennen konnte gut mehrere Tage dauern. Es war eine Kunst, die Temperatur bis zur Sintergrenze nur allmählich zu erhöhen, um ein vorzeitiges Reißen der Rohware zu verhindern. Es musste indes immerzu Holz nachgelegt werden. Ab einer Temperatur von ca. 1250 ° C wurde Salz in die Öffnungen des Ofens gegeben. Man muss sich dies so vorstellen, dass das Salz von Außen mit ovalförmigen Schaufeln hineingeschippt wurde. Bei so viel Rohware waren manchmal einige Zentner an Salz nötig. Bei Erreichen dieser Temperaturen trennt sich das Salz, das chemisch Natriumchlorid ist, in seine Bestandteile Natrium und Chlor. Aufgrund chemischer Prozesse entweicht anschließend Chlorgas, während Natrium mit dem Scherben eine chemische Verbindung eingeht und eine Glasur entsteht.  Danach wurden die Öffnungen der Öfen verschlossen, um eine graue Farbe des Steingutscherbens zu sichern.

siehe auch Irdenware, Terrakotta, Fayencen/Majolika, Steingut, Wedgwood, Jasperware, Wächtersbacher Steingut, Steinzeug, Hafnerkeramik, Porzellan, Literatur Keramik

3 Kommentare über “- Westerwälder Steinzeug”

  1. Hans-Armin Veith schrieb:
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    Hallo,
    ich habe jahrelang mit Ritzdekor verzierte Westerwälder Steinzeugkrüge gesammelt. Altersbedingt muss ich meinen Hausstand verkleinern. Deshalb möchte ich einen Teil der Krüge veräußern.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hans-Armin Veith
    WesterwälderSteinzeugsammeln.de

  2. Zimmermann schrieb:
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    habe eine Blaugraue Ente salzglsiert Größe 62 cm aus Nachlass abzugeben wer Interesse hat kann sich über Email bei mir melden.Desweiteren etliche Krüge abzugeben

  3. Kirmeß, Lydia schrieb:
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    Guten Tag,
    Ich suche einen Bretonischen Hirtentopf. Können Sie mir da weiterhelfen?
    Für eine Nachricht wäre ich Ihnen dankbar.

    Mit freundlichen Grüßen
    Lydia Kirmeß

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