Eisenschmuck – Berliner Eisen

Eisenschmuck – gibt es denn das? Auch noch heute werde ich, wenn ich auf dem Flohmarkt einen Händler nach Eisenschmuck befrage, ungläubig angeschaut. Noch immer gibt es Zeitgenossen, die von Eisenschmuck noch nichts gehört haben! Dabei gibt es ihn schon seit dem späten 18. Jahrhundert. Jedenfalls begann um etwa 1790 seine Hauptzeit. Es ist nämlich wenig über eine Historie des Eisenschmuckes bekannt. Wir können aber davon ausgehen, dass die Hochkulturen der Vorantike, und in diesem Falle der Eisenzeit, sich auch mit Eisen als Ausgangsmaterial für Schmuck beschäftigt hatten; von den Römern der Antike wissen wir es definitiv.

Die hohe Zeit des Eisenschmuckes

Die hohe Zeit des Eisenschmuckes umfasste nahezu die gesamte Epoche des Klassizismus. Eisenschmuck bestand aus feinstem Gusseisen. War das Herstellungsmaterial auf der einen Seite sehr günstig, so genügte die Bearbeitung doch höchsten Ansprüchen. Wieso konnte sich dieser Schmuck überhaupt durchsetzen? Wenn wir uns den historischen Zeitraffer anschauen, sehen wir um die Wende zum 19. Jahrhundert die Besatzungszüge Napoleons, der in den beiden ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seiner Macht war. In diese Zeit fielen seine Überfälle auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dessen Totengräber er 1806 war, danach die Kriege gegen Preußen und Russland. Betrachtet man sich den damaligen Nationalismus in den deutschen Gebieten, kann man verstehen, dass man dem Staate gerne seine wertvollsten Habseligkeiten vermachte, gerade wenn es gegen den Erbfeind Frankreich ging. Diese Habseligkeiten waren natürlich die wertvollen Metalle, allen voran Gold und Silber. Das recht wertlose Eisen ersetzte diese wertvollen Metalle. Die künstlerische Inwertsetzung dieses billigen Materials stand der kunstvollen Bearbeitung der Edelmetalle allerdings in nichts nach. Selbst als solche selbstlosen Spenden an den Staat nach der Niederlage Napoleons in Waterloo nicht mehr notwendig waren, hielt sich der Eisenschmuck wohl aufgrund seines großen Charmes bis zum Ende des Klassizismus Mitte des 19. Jahrhunderts und noch darüber hinaus; er war gerade zu Beginn der industriellen Revolution auf der Höhe seiner Ausbreitung. Dieser Zusammenhang von Eisenschmuck und Nationalgefühl hat also nichts zu tun mit dem Bestreben, hochwertigen Schmuck mit billigen Ausgangsmaterialien nachzuahmen nur unter der Prämisse der Preissenkung. In dieses Segment fallen eher die Versuche im späten 18. Jahrhundert, Edelsteine und vornehmlich Diamanten mit facettiertem Stahl oder dem Mineral Markesit, welches ja einen golden schimmernden Glanz besitzt, nachzuahmen.

Formen des Klassizismus bestimmten das Design

Wer in Berlin die Prachtallee „Unter den Linden“ entlang schlendert, bekommt eine Vorstellung davon, welche große Rolle der Klassizismus im damaligen Preussen spielte. Er besaß fast den Status einer Staatsreligion. Das ging so weit, dass sogar das alte Berlin mit seinen außergewöhnlichen Bauten aus der Zeit der Renaissance regelrecht dem Erdboden gleichgemacht wurde, um an dessen Stelle Monumentalbauten des Klassizismus zu errichten. Die Wiederentdeckung der klassischen griechischen und römischen Kunst durch das europäische Bürgertum bezog sich nicht nur auf die Architektur, sondern erfasste auch weite Bereiche des Alltags wie Kleidung, Möbel und eben auch den Schmuck. Die Klarheit und Strenge der klassizistischen Linien verdrängte die Verspieltheit der Formen von Barock und Rokoko. Während diese eher höfischen Stile doch weitgehend auf die reicheren Stände beschränkt blieb, erreichte die Kunst des Eisenschmuckes aufgrund des billigen Herstellungsmaterials auch schon mal die einfacheren Bevölkerungsschichten. An den äußeren Formen dieses Schmuckes arbeiteten nicht nur die alten Gold- und Silberschmiede, sondern auch die großen Archiktekten des Klassizismus wie Karl Friedrich Schinkel oder Bildhauer wie Johann Gottfried Schadow waren involviert. Die Kunst am Eisen erfasste allerdings nicht nur den tragbaren Schmuck, sondern bezog sich auch auf andere Bereiche des Eisengusses wie Geländer, Rosetten, Zäune oder gar Orden. Das berühmte „Eiserne Kreuz“ als Kriegsauszeichnung der Befreiungskriege gegen Napoleon wurde zum Beispiel von Schinkel entworfen.

Die Eisengießereien

Eisenguss war seit dem späten Mittelalter bekannt. Wir kennen ihn von alten Öfen und alten Ofenplatten. Die ersten Eisengießereien gab es wohl in England. Auch in Frankreich gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts wohl schon Gießereien. Denn das Tragen von Eisenschmuck im Tausch gegen Goldschmuck gab es auch schon während der französischen Revolution ab 1789. Die erste deutsche Eisengießerei dürfte die im schlesischen Gleiwitz gebaute von 1796 sein. In Berlin wurde die erste Eisengießerei im Jahre 1804 errichtet. Die Eisengießereien fertigten die unterschiedlichsten Gegenstände an; Geländer und Zäune erwähnte ich bereits. Das Spektrum erfasste aber auch ganz banale Dinge des Alltagslebens wie Teller, Leuchter, Dosen, Schreibgeräte und vieles mehr. In diesem Spektrum befand sich denn auch der Eisenschmuck, der allerdings nur ein Produktbereich unter mehreren war. Dass die Berliner Eisenkunst unter dem Begriff „Berliner Eisen“ weltweit bekannt wurde, lag zum Einen natürlich an der hohen künstlerischen Qualität und zum Anderen an den französischen Besatzern. Mit dem Marsch durch das Brandenburger Tor im Jahre 1806 übernahm Napoleon die Herrschaft in Preußen. Als die Franzosen im Jahre 1808 wieder abzogen, beschlagnahmten sie mehrere Hundert Modelle und Formen, um sie in Paris nachzugießen. Anscheinend war die Qualität der Berliner Gießereien derart hoch oder aber die Fertigkeiten der französischen Gießereien so schlecht, – jedenfalls gelang der Prozess des Nachgießens nicht. Also musste man die Schmuckstücke aus Berlin importieren! Da sich gleichzeitig viele Berliner Goldschmiede mangels Nachfrage nach Goldschmuck, was aufgrund der gerade beendeten französischen Besatzung mit hohen Reparationsforderungen kein Wunder war, auf die Fertigung von Eisenschmuck verlegten, nahm dieser eine Qualität an, welche selbst die besten Gießereien nicht mehr erreichen konnten. Die Berliner Eisenkunst ging als „Berliner Eisen“ in alle Welt. Zwei bekannte Berliner Pioniere waren Siméon Pierre Devaranne (1789-1859) sowie Johann Conrad Geiss (1772-1846).

Die Herstellung von Berliner Eisenschmuck

Eine Art, Eisenschmuck herzustellen, war, den Eisenfeinguss in vorgefertigte Formen zu gießen. Es gab zudem die Technik, Draht aus Eisenstäben zu ziehen und diesen anschließend in verschieden Formen zu biegen oder zu flechten. Damit sie das bekannte aparte schwarze Aussehen bekamen, wurden sie anschließend nach Säuberung und Polieren noch mit einer Leinöllösung, einem Firnis bestrichen. Die mattschwarze Farbe der Schmuckstücke boten einen aufregenden Kontrast zur hellen weißen Haut der Trägerinnen. Ich erinnere daran, dass auch schon die Jahrhunderte zuvor das Zurschautragen heller Haut absolut „in“ war und man zum Schutze vor Sonneneinstrahlung und der damit verbundenen Gefahr des Bräunens der Haut besser einen Sonnenschirm trug! Die Broschen, Diademe und Eisenketten trug man insbesondere nach der Befreiung von der französischen Besatzung mit Stolz. Manche Inschriften auf diesen Schmuckstücken sind noch heute bekannt, auch wenn manche sie nicht mehr dieser Zeit zuordnen können: „Zum Wohl des Vaterlandes“ oder „Gold gab ich für Eisen“.




Das Foto von Eisenschmuck aus dem Jahre 1840 zeigt florale und neugotische Elemente
Eisenschmuck, auch bekannt als "Berliner Eisen"Während der Endzeit des Heiligen Römischen Reiches überwogen die antiken Motive; beliebt waren klassische Profile in der Form von Kameen. Diese Eisenkameen hatten vielfach glänzenden Stahl als Unterlage, was natürlich einen wunderbaren Kontrast zum schwarzen Eisenprofil erzeugte. Die klassischen Formen wichen nach Ende des Reiches, als sich die deutschen Länder im Deutschen Bund lose organisierten, immer mehr gotischen Formen. Die langen Jahrzehnte des Historismus begannen fast gleichzeitig mit dem Biedermeier, der aber mehr auf die Mode und die Innenausstattung wirkte. Die Sehnsucht nach gotischen, aber auch romanischen und Elementen der Renaissance vollzog sich eher in der Architektur, in der bildenden Kunst oder wie in unserem Falle, in Bereichen des Schmuckes. Auch kam es vor, und dies ist durchaus typisch für die Anfangszeit des Historismus, dass sich klassizistische und neugotische Formen auf ein und demselben Schmuckstück einfanden. Florale Elemente im Stile der Neugotik angereichert mit den typischen Merkmalen der Gotik wie Kreuzblumen und Maßwerk prägten die aus Feinguss und Eisendraht gefertigten Ketten, Broschen, Ohrhänger, Armbänder und so weiter des Biedermeiermenschen. Eine Besonderheit erfuhren die Schmuckstücke, wenn die Eisenformen einen leicht-goldenen Rand besaßen. Diese waren besonders beliebt und sind heute dementsprechend stark gesucht.

Ende des Berliner Eisenschmuckes

Der Berliner Eisenschmuck war zwar weltweit begehrt, richtig verbreitet war er aber nur in den Kreisen der deutschen bürgerlichen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Berliner Eisen wurde massig produziert, verlor aber scheinbar in späteren Gesellschaft allein aufgrund seines Ausgangsmaterials an Anziehungskraft und wurde wohl überwiegend entsorgt. Gute Stücke sind daher heute recht selten und bewegen sich preislich schon oft im vierstelligen Bereich.

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