Bernstein sammeln

Die Variationen des Bernsteins

Bernstein lässt sich ähnlich wie Mineralien zu Schmuck verarbeiten. Solange es Schmuck gibt, so lange gibt es solchen aus Bernstein. Und dies seit mehreren tausend Jahren. Der relativ weiche und gut schleifbare Stein wird und wurde auf vielfältigste Art und Weise verarbeitet. Neben der Herstellung von Schmuck oder Modeschmuck wie Ketten, Ohrschmuck, Broschen, Ringen oder Armbändern wird Bernstein auch als geschliffener Stein, als Heilstein, als Naturbernstein geschätzt. Aus Bernstein wurden sogar Schachbretter und Schachfiguren, Trinkschalen sowie viele andere Nutz- und Spielgegenstände hergestellt.

Was ist Bernstein eigentlich

Als Bernstein bezeichnen wir fossiles erhärtetes Harz. Im Gegensatz zu anderen Fossilien hat hier allerdings keine Verkieselung, letztlich Versteinerung, stattgefunden. Bernstein wird bei den Mineralien behandelt und auch als Schmuck“stein“ bezeichnet, obwohl er weder das Eine noch das Andere ist. Die verschiedenen Bernsteinarten werden wissenschaftlich nach ihren Ausgangshölzern bezeichnet. So wird der häufigste vorkommende baltische Bernstein abgeleitet von der ausgestorbenen „Bernsteinkiefer“ pinus succinifera als Succinit geführt. Eine weitere Namensbezeichnung ist „Amber“. Das aus Bernstein gewonnene Heilöl ist den meisten als Amberöl bekannt. Das Ausgangsmaterial für Bernstein ist aus gewaltigen Nadelhölzern ausgetretenes Harz. Bei den Bernsteinen der Ostsee soll dies vor etwa 45 bis 55 Millionen Jahren, den Anfangszeiten des Tertiärs, geschehen sein. Andere sehen den Beginn bei den bereits mächtigen Ablagerungen des Karbons und des Perm vor über 300 Millionen Jahren bei der Bildung der ersten Kohleschichten. Das Ausgangsmaterial Harz, welches bei Austritt aus der Rinde an der Luft relativ schnell erhärtet, ist brennbar und gab der erhärteten Masse den Namen Brennstein, von welchem die heutige gängige Bezeichnung abgeleitet wurde. Gewaltige Mengen diese Harzes sanken durch Wettergewalten wie Überspülungen mit Wasser in tiefere Schichten ab, überdauerten dort unter Luftabschluss Jahrmillionen. Zusätzlich großer Druck durch immer neue Sedimentschichten führten schließlich zu Bernstein.Armband aus Bernstein

Älteres Armband aus Bernsteinquadern

Bernstein kann in Ausnahmefällen bis zu 300 Millionen Jahre alt sein, der überwiegende Teil stammt allerdings aus dem Tertiär. Allgemein wird fossiles Harz ab dem Alter von einer Million Jahren als Bernstein bezeichnet. Jüngere Harze, die noch nicht vollständig ausgehärtet sind, kursieren unter dem Begriff „Kopal“.
Bernstein ist brennbar, – dieser Eigenschaft „bernen = brennen“ verdankt er seinen Namen, er ist elektrostatisch, das heißt, er lädt sich beim Reiben auf und er entwickelt beim Abbrennen weihrauchartige Gerüche. Den alten Volksstämmen diente er auch unter anderem als Brennmaterial. Das Entflammen dürfte deutlich einfacher als beim Zunderholz gewesen sein.



Bernstein erzählt aus der Vergangenheit

Aufgrund seiner Entstehung und seiner Konsistenz gibt Bernstein Kenntnisse aus der Zeit seiner Geburt; es sind dies Kenntnisse von Pflanzen, Tieren und anderen Gegenständen. Diese eingeschlossenen Fossilien erlauben es, zeitlich genaue Datierungen vorzunehmen und so auch zur Aufschlüsselung der Frühgeschichte des Menschen beizutragen und die Entwicklung zum Homo sapiens sapiens aufzuzeigen. Auch für den Bereich der Paläontologie sind die Steine mit Inklusen wichtig. In seltenen Fällen kann es sogar vorkommen, dass Wassertropfen eingelagert wurde. Viele Inklusen stellen aus Sicht des Eingefangenen regelrechte Dramen dar. Nicht nur Blätter, auch Lebewesen wie Mücken, Käfer, Fliegen, Ameisen, Skorpione, Spinnen wurden lebendig vom zähflüssigen Harz erfasst und sind so erhalten, wie sie vor Jahrmillionen auch ausgesehen hatten. Bernsteine mit seltenen Inklusen werden bei Sammlern hoch gehandelt.

Wo kommt Bernstein vor

Das größte Bernsteinvorkommen befindet sich an der Ostseeküste im Baltikum und der Küste des Samlandes in Ostpreussen. Die Küste des Samlandes ging auch als „Bernsteinküste“ in die Geschichte ein. Von hier stammen die meisten Funde weltweit. Man findet Bernstein nicht nur an der Nord- oder Ostseeküste im Samland, auch in der Ukraine, in Sachsen, in Schlesien. Weitere große Fundstätten befinden sich in der Dominikanischen Republik, allerdings ist der dort gefundene Bernstein „nur“ etwa 35 Millionen Jahre alt. Weitere, allerdings wesentlich kleinere Vorkommen, weisen Sizilien, Libanon, England, Spanien, Nordamerika, Japan, Mexiko, Rumänien oder Madagaskar auf. Ich selbst habe Bernstein nach Winterstürmen auch schon an der Nordsee vor St. Peter-Ording gefunden. Generell aber kann Bernstein überall dort gefunden werden, wo es in prähistorischer Zeit große Nadelwaldvorkommen gab.

Über Farbe und Gewicht

Die Farbe des ostpreussischen samländischen Bernsteins, des baltischen Bernsteins, geht von sehr hellem fast weißlichem Gelb bis zu einem rötlichen Braun. Ganz typisch ist das gesuchte Honiggelb. Man nimmt an, dass die rötliche Farbe einmal vom allmählichen Altern kommt, im wesentlichen aber wohl vom Lagern in oder an eisenhaltigen Sedimenten. Der hellere gelblich-weißliche Ton rührt von vielen winzig kleinen Luftbläschen her. Überhaupt sind die unterschiedlichsten mineralischen Einschlüsse beim Entstehungsprozess die Hauptursache für die Farbabweichungen. Funde aus der Dominikanischen Republik, aber auch aus Sizilien nehmen bei schräger Draufsicht eine bläuliche oder grünliche Farbe an. Die grünliche Farbe stammt hierbei von eingeschlossenem Schwefelkies (Pyrit).
Bernstein besitzt keine allzu große Dichte. Sein Gewicht ist etwas schwerer als Süßwasser, aber leichter als Salzwasser. Es war für uns Kinder beim Nordseeurlaub immer die spannende Probe, ob unsere bernsteinschimmernden Strandfunde nun Bernstein waren oder nicht. Im Wasserglas sanken die meisten Funde schnell zu Boden. In diesen Fällen hatten wir vom Meerwasser rund geschliffene Teilchen aus Glas gefunden. Die Enttäuschung war dann groß. Die Tatsache, dass Bernstein leichter als Salzwasser ist, macht nun klar, dass er bei Stürmen vom Meerwasser leicht angeschwemmt werden kann.

Stück aus Bernstein von der Nordsee

Abbau und Verarbeitung

Weltweit soll es nach neueren Schätzungen etwa über eine Million Tonnen Bernstein geben. Ich halte dies noch für untertrieben. Bernstein wurde schon zu frühen Zeiten hoch gehandelt und war den Edelsteinen durchaus ebenbürtig. Etwa 6000 Jahre alt sind erste Funde von Bernsteinschmuck als Beigabe in antiken Gräbern. Im Baltikum und im Samland wurde schon von den alten baltischen Stämmen der Prußen mit Bernstein gehandelt. Der Deutschritterorden, gerade vom Feldzug zurückgekehrt, besetzte im 13. Jahrhundert das Gebiet der Prußen und erwarb das alleinige Eigentumsrecht am Bernstein. Dieses Eigentumsrecht wird Bernsteinregal genannt. Der Ritterorden ging äußerst rigoros mit diesem Recht um. Wer Bernstein fand und diesen nicht abgab, dem drohte der Strang!
Im Baltikum lagert Bernstein in circa 40 Meter Tiefe in mehreren Metern mächtigen Flözen. Ursprünglich wurde Bernstein neben dem Sammeln am Strand auch mit Fischernetzen gewonnen. Die ursprünglichen Siedler dürften dazu handliche Kescher benutzt haben. Ab 1912 wurde der Bernstein dann aber industriell im Tagebau, also oberflächlich, abgebaut. Dazu wurden riesige Bagger, wie sie auch für den Braunkohleabbau eingesetzt wurden, verwendet. Diese unterschiedlichen Gewinnungsarten kommen in den Bernsteinbegriffen „Baggersteine“ und „Seesteine“zum Ausdruck. Die Abbaumengen sollen zu jener Zeit bereits jährlich um die mehrere hundert Tonnen erreicht haben.Kette aus Bernstein

Ältere Bernsteinkette

Bernstein als Tauschäquivalent und beliebte Handelsware

Von den Fund- und Abbaustätten an der Ostseeküste führten schon früh regelrechte „Bernsteinstraßen“ genannte Handelswege in die Hochkulturen Griechenlands und Italiens. Bernstein war beliebtes Tauschäquivalent, war also auch Zahlungsmittel und ersetzte somit Geldmünzen. Es wurde gegen Edelsteine, Gold, Bronze, Silber oder Kupfer getauscht. Wenn man die manchmal unansehliche äußere Schicht, die sogenannte Verwitterungsschicht oder Verwitterungskruste, entfernt, erstrahlt der Bernstein in dem Glanz, wie wir ihn lieben. Bernstein kann mit Messern und Feilen bearbeitet werden, er wird gehobelt und glanzgeschleift. Es ist sogar möglich, kleinere Stücke unter hohem Druck zu größeren Stücken zusammenzufügen. Man nennt diese Stücke „Pressbernstein“.
Schon bei den Römern war Bernstein äußerst beliebt. Viele Alltagsgegenstände wie Trinkgefäse, Krüge, Ketten, Perlen, Amulette wurden aus dem Material gefertigt. Bei den Römern konnte man sich mit einem guten Stück Bernstein sogar einen Sklaven erhandeln.
Auch magische und Heilkräfte wurden und werden dem „Brennstein“ zugeschrieben. Amulette und Ketten sollten vor Krankheit und Gefahren schützen und Bernsteinöl gilt als Heilöl. Hierzu wurde Bernstein zerrieben und mit duftenden Ölen wie Rosenöl vermengt. Alle alten Kulturen, welche über die damaligen Handelswege an Bernstein gelangten, verwendeten die Steine auf eine solche ähnliche Weise.

Das berühmte Bernsteinzimmer

Eine erneute Bernsteinblüte bot das späte Mittelalter. Das beste Beispiel hierfür ist die Geschichte vom weltbekannten Bernsteinzimmer. Auftraggeber war der Preussenkönig Friedrich I. In der Spätphase des Barock entstand das Bernsteinzimmer um 1701 – 1712. In dieser Phase des Barock war Verschwendung pur angesagt. Alles Mögliche, Kostbare entstand aus Bernstein, ob es nun Einfassungen, Bestecke, Leuchter oder ganze Wandvertäfelungen waren. Das Tüpfelchen auf dem i war das Bernsteinzimmer. Es wurde im Jahre 1712 unter dem Nachfolger Friedrichs I., Friedrich Wilhelm I., schon mit vielen Elementen des Rokoko im Berliner Stadtschloss eingebaut. Dieser verschenkte es allerdings an den russischen Zar Peter den Großen, der bei seinen Besuchen großen Gefallen an diesem Prunk fand; er bekam dafür allerdings wohl auch eine Riege langer Soldaten für seine Garde. Friedrich Wilhelm I. machte nämlich im Jahre 1717 die „Rothen Grenadiere“ zu seiner Leibgarde. Hierfür suchte er solche „Lange Kerls“ ab einer Größe von 6 Fuß, welches 1,88 Meter entspricht. Im selben Jahr wurde im Gegenzug das Bernsteinzimmer nach St. Petersburg, dem Sitz des Zaren, transportiert und dort in den nachfolgenden Jahren zunächst im Winterpalast, später im Katharinenpalast in Puschkin nahe Petersburg mit Erweiterungen eingebaut. Das Bernsteinzimmer galt bald schon nach seiner Fertigstellung als 8. Weltwunder. Im Zuge der Belagerung St. Petersburgs durch deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg wurde das Bernsteinzimmer durch die Wehrmacht beschlagnahmt und abgebaut. Sicher ist, dass ein Grossteil des Zimmers ab 1941 im Königsberger Schloss ausgestellt war. Seit Kriegsende 1945 jedoch blieb das Bernsteinzimmer verschwunden. Da es von unschätzbarem Wert war, zu damaliger Zeit wurde es auf ungefähr 100 Millionen Reichsmark veranschlagt, ranken sich seitdem unzählige Mythen um dessen Verbleib. Ob es mit der versenkten „Wilhelm Gustloff“ auf den Grund der Ostsee gesunken ist oder sich in den noch immer verschütteten weitläufigen Gewölben unterhalb des ehemaligen Königsberger Schlosses befindet oder an einem der ansonsten unzähligen vermuteten Standorte, wird vielleicht die Zukunft weisen. Im Katharinenpalast indes kann seit 2003 ein aufgrund von Fotos reproduziertes Bernsteinzimmer bewundert werden. Es steht dem noch verschwundenen Original in Nichts nach.




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