Automaten, Figurenautomaten und Androiden sammeln

Einleitung

Im Kapitel über die Münzautomaten habe ich die gemeinsame Geschichte mit der der Automaten angesprochen. Bei den Automaten, über die wir uns an dieser Stelle unterhalten wollen, handelt es sich nicht um Münzautomaten, sondern um Automaten, welche per Kurbel oder auf andere Art und Weise zum „Gehen“ gebracht werden. Vielfach handelt es sich um Androiden, also Automaten in Menschengestalt. Solche Automaten waren begehrt und auch nur finanzierbar in der Oberschicht der Antike oder den mittelalterlichen Höfen. Da es vielfach einzelne Exemplare sind, wirkliche handgemachte Unikate, sind sie heute für Privatsammler nahezu unerschwinglich und als Folge dessen eher in Museen zuhause. Ihre Seltenheit und ihr teilweise antikes Alter hat zusammen mit dem Traum des Menschen, sich selbst nachzumachen, dazu geführt, dass sich um diese Androiden regelrechte Mythen ranken. Zu diesen Automaten zählen jedoch nicht nur Androiden, automatische Menschenwesen, sondern auch andere Kunstgeschöpfe wie automatische Tierwesen, zum Beispiel künstlich zwitschernde Vögel.

Blütezeit der Figurenautomaten im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert war die Hochzeit der Figurenautomaten. Das 19. Jahrhundert bot allerdings mit der industriellen Revolution auch die Möglichkeit, einzelne Teile der hochkomplizierten Figurenautomaten in größeren Mengen herzustellen und den Produktionspreis damit zu senken. Damit wurden solche Androiden auch bezahlbar für das bessere Bürgertum, welche dieses Spielzeug der Reichen bis dato nur neidisch betrachten konnte. Ganz begehrt waren Automaten mit Musikwerk, also Automaten, welche eine bestimmte Tonfolge beherrschten, welche Musikstücke auf einem dazugehörigen maßstabgerechten Klavier spielen konnten etc. Die Automaten besaßen dabei vielfach nicht mehr als die Größe von Puppen. Es wurden auch oft Teile von Puppenkörpern zur Herstellung der täuschend echt aussehenden Automaten benutzt. In die Herstellung waren also auch bekannte Puppenhersteller involviert. Vorgeführt wurden die Automaten gern in den bürgerlichen Salons.

Oft wurde ein solcher Automat im Auftrag produziert. Dass heißt, der Auftraggeber legte zusammen mit dem Hersteller den Bewegungsablauf der Figur fest, das Aussehen der Figur, die einzusetzende Mechanik und so weiter. Zunächst wurde die äußere Form hergestellt. Dabei wurden die Körperteile, welche sich bewegen sollten, einzeln produziert und danach erst zusammengesetzt. In den vorproduzierten Körper des Androiden wurde dann die Mechanik implementiert. Zur mechanischen Bewegung wurden Exzenterscheiben, Kurbeln, Pleuel oder Nocken eingesetzt. Letztere erlaubten mehrere differenzierte Bewegungen; je mehr unterschiedliche Bewegungen ein Figurenautomat beherrschte, um so begehrenswerter war er bei den Käufern und auch schon Sammlern von Gründerzeit bis Beginn des 1. Weltkrieges, um die beste Zeit der Automaten etwas einzugrenzen.

Ursprung in der Antike

Ihren Ursprung hatten diese „Aristokraten des Spielzeugs“, wie sie auch treffend genannt werden, bereits in der Antike und wohl schon im 1. Jahrtausend v. Chr. So sollen bereits die Pharaonen, und dies wäre dann noch älter, Figurenautomaten besessen haben. Zumindest bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. sind sie bei Hero beziehungsweise Heron von Alexandria belegt. Bekannt sind seine zwitschernden Vögel oder auch der pfeilschießende Herkules. Um die Figuren anzutreiben, wurden die physikalischen Eigenschaften von Wasser genutzt. Die mechanischen Werke, mit welchen die „Geschöpfe“ funktionierten, war für die damalige Zeit absolut erstaunlich und sensationell. Die den Automaten innewohnende Mechanik wurde mit den Jahrhunderten immer komplizierter, auf einem immer höheren technischen Stand.

Erste Kommerzialisierung ab dem 16. Jahrhundert

Die kommerzielle Herstellung von Automaten entwickelt sich parallel zur Spielzeugindustrie. So ist es kein Wunder, dass ihr Beginn, der der Kommerzialisierung, im Zentrum des deutschen Blechspielzeugs, in Nürnberg, lag. Zusammen mit deutschen Uhrmachern wurden ab dem 16. Jahrhundert bewegliche Figuren, auch mit Musikwerk, entwickelt. Die Mechanik des Musikwerkes ist dabei aus der Uhrmacherkunst abgeleitet. Man muss sich allerdings vorstellen, dass diese den Figuren innewohnende Mechanik, ganz einfach weil sie in größeren Mengen hergestellt werden sollte, vergleichsweise einfach war. Und so unterschied man im 18. Jahrhundert, als die kommerzielle Automatenproduktion bereits ein eigenes Gewerbe war, diese damals eher einfachen Automaten, welche auch eher dem Kinderspielzeug zuzuordnen waren, von den parallel weiterhin produzierten hochkomplexen Figurenautomaten, deren Klientel sich aus den Adels- und Aristokratenkreisen rekrutierte, und welche Unikate waren.

Die hochkomplizierten Einzelschöpfungen der Schweizer Uhrmacher

Ich erwähnte bereits die Verwandtheit der Figurenmechanik mit der Uhrmacherkunst. So ist es kein Wunder, dass die hochkomplexen Figurenautomaten dort entstanden, wo die Uhrmacherkunst am höchsten entwickelt war, – in der französisch-sprachigen Schweiz in der Umgebung von Genf und La Chaud-De-Fonds im Kanton Neuchatel. Einer der großen Erfinder, welche hier den Weg bahnten, in einem Landstrich, in welchem mehr als jeder Dritte von Uhren und der Uhrmacherkunst lebte, war Jacques de Vaucanson. Seine Figuren arbeiteten mit dem Nockenmechanismus. Bekannt wurde er, eine Sensation damals, mit seiner fast echten Ente. Diese schnatterte, wie es Enten tun, sie konnte sogar tauchen, sie planschte, fraß und trank! Man schrieb das Jahr 1738! Von den Figurenautomaten de Vaucansons, die damals als große Besonderheit in öffentlichen Ausstellungen dem staunenden Publikum präsentiert wurden, ist leider keiner bis heute erhalten geblieben. Neben seiner Ente erschuf Vaucanson noch den berühmten Flötenspieler, dessen Mechanik fast deckungsgleich mit einem echten Flötenspieler abläuft, und einen Schäfer, welcher mit einer Hand eine dreilöchige Pfeife hielt, auf welcher er spielte, und mit der anderen Hand eine Trommel dazu im entsprechenden Takt schlug. Die Vaucanson-Ente, einer der phantastischen AutomatenDer Flötenspieler des 1709 in Grenoble geborenen genialen Erfinders Jacques de Vaucanson konnte, wenn man der Literatur Glauben schenken soll, 12 verschiedene Musikstücke spielen. Es waren große Komponisten jener Zeit wie Mozart oder Haydn,

Rechts im Bild die berühmte Ente von Vaucanson. Die Abbildung zeigt den innewohnenden Mechanismus.

welche auch einfache Musikstücke für solche Musikautomaten schrieben. Vaucanson starb 1782 in Paris.

Die Androiden des Pierre Jaquet-Droz

Aber die hervorragende Tradition der Automatenherstellung in der französischen Schweiz wurde von Pierre Jaquet-Droz (1721-1790), seinem Sohn Henri-Louis Jaquet-Droz (1752-1791) sowie deren Mitarbeiter Jean-Frederic Leschot (1746-1824) in La Chaux-De-Fonds fortgesetzt. Von Jaquet-Droz stammen schreibende, Klavier spielende, sprechende Androiden in der Größe von Grundschulkindern, welche solche Tätigkeiten oftmals parallel ausführten, in den Bewegungen den richtigen menschlichen Bewegungen fast unheimlich ähnlich. Die Figurenautomaten von Jaquet-Droz gelten als das Nonplusultra auf dem Gebiet der Androiden. Um die ihnen zugedachten Funktionen zu erfüllen, bestand die Mechanik aus einem nicht nur für den Laien unübersichtlichen Gewirr aus Zahnrädchen und tausenden mechanischer Einzelteile, für welche Jaquet-Droz Jahre an Arbeit und Mühen aufwendete. Es ist verständlich, dass solche Androiden einerseits natürlich immer Unikate und zum anderen durch die jahrelange Herstellung unvorstellbar teuer waren. Die Kunstwerke, die weite Teile Europas in ihren Bann schlugen, fanden natürlich bald Nachahmer in vielen Ländern. Ich möchte stellvertretend den Augsburger Joachim Eppinger 1769 mit seinem Flöte spielenden Hirtengott Pan, Johann Caspar Seyfert 1764 mit seinem Klavierautomaten, Christopher Pinchbeck aus England oder Friedrich Knaus, den Hofmaschinisten Ludwigs VIII. In Darmstadt nennen. Eine ausführliche Aufzählung würde die nächsten Seiten sprengen. Auch die Vielzahl der sensationellen Automaten lassen sich an dieser Stelle nicht beschreiben. Nur so viel, – es existierten sogar ganze Musikorchester oder sogar bemannte Schiffe in Automatenform.Android von Jaquet-Droz

Das Bild aus der freien Wikipedia des Autoren Rama zeigt den berühmten Schreiber von Pierre Jaquet-Droz aus dem Museum in Neuchatel.

Die Pariser Zeit der Automaten Ende des 19. Jahrhunderts

Die Figurenautomaten waren absolute Luxusartikel, so dass sich etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Mittelpunkt der Herstellung der Automaten vom Genfer Raum in die damalige Hauptstadt des Luxus schlechthin, nach Paris, verlagerte. Dort erlebte die Produktion der Automaten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine erneute Blüte. Die Hersteller konnten aufgrund der langen Erfahrung nun auf das beste zurückgreifen, was die europäischen Manufakturen bieten konnte. So wurden die inneren mechanischen Werke überwiegend weiterhin aus der Schweiz angeliefert. Die führenden deutschen Puppenhersteller lieferten die gewünschten Porzellanköpfe für die Figurenautomaten, während die äußere Ausstattung natürlich in der Stadt der Mode, in Paris selbst produziert wurde. Zu den großen französischen Meistern dieser großen Pariser Epoche zählten Leopold Lambert (1854-1935), Louis Renou (gest. 1958), Alexandre Theroude (1807-1892), Jean Marie Phalibois (1835-1900), Gustave Vichy (1839-1904) und dessen Nachfolger August Triboulet (1865-1920). Die Pariser Zeit der Figurenautomaten bildete gleichzeitig ihren Höhepunkt, aber auch Wendepunkt. Obwohl mancherorts versucht wurde, die hochkomplizierten Geschöpfe nun auch fabrikmäßig herzustellen, war die Hausse der Figurenautomaten spätestens mit Beginn des 1. Weltkrieges vorbei. Ein wichtiger Grund lag natürlich auch im Niedergang des Adels, der Höfe und des sich entwickelnden Bürgertums.




Museen und Literatur

Figurenautomaten und Musikautomaten leben weiter in einigen wenigen Museen wie dem in Seewen oder in Neuchatel, bei dessen Besuch in dem Besucher die gleiche Faszination erwacht wie einst dem Publikum und den Käufern des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Literatur zu dem Thema ist, wen wundert es, rar gesät. Es existiert ein recht teures Werk von Christian Bailly. Das Buch existiert in Französisch und Englisch und recht selten in Deutsch. Der Titel ist: „Automaten. Das Goldene Zeitalter 1848-1914“. Das Buch ist im Hirmer-Verlag in München erschienen, aktuell schon kaum noch erhältlich und wenn, zu einem enormen Preis. Die Preise bewegen sich zwischen 250 und 400 Euro. Wirklich nur etwas für den Fanatiker. Der Autor behandelt auf 360 Seiten die Pariser Epoche der Automaten mit den großen vorhin angesprochenen Meistern wie Lambert, Phalibois oder Renou. Etwa 570 Abbildungen bereichern den Text.

Mehr von der philosophischen Seite nähert sich Herbert Heckmann dem Thema. Sein Buch „Die andere Schöpfung“ erschien 1982 im Frankfurter Umschau-Verlag und untersucht die Geschichte der Automaten von der Antike bis hin zur berühmten Pariser Epoche.

2 Kommentare über “Automaten, Figurenautomaten”

  1. Fricke, Rüdiger schrieb:
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    Ich besitze einen Geldspielautomaten eines deutschen Herstellers, Typ Monarch 1960er Jahre. Möchte diesen verkaufen. Ist nicht mehr ganz funktionsfähig, aber durch Reparatur behebbar. Wer wäre interessiert diesen käuflich zu erwerben?

  2. Rolf Recknagel schrieb:
    Dem Autor eine E-Mail senden!
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    Sicherheitsfrage (Spamschutz):
    8 + 1 = ?

    Habe einen Original Hahn und Henne Automaten
    (m.E.funktionstüchtig) zu verkaufen.
    Vielleicht haben Sie eine Adresse oder einen
    Interessierten. Würde mich über eine Antwort freuen.

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