Art Deco sammeln

Einleitung

Wenn ich mich an meine ersten Zeiten auf Flohmärkten oder an meine ersten Museumsbesuche Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre erinnere, so muss ich feststellen, dass die Bezeichnung Art Deco für einen Kunststil oder Lebensstil überhaupt noch nicht gängig war. Zu jener Zeit schaffte es gerade der Jugendstil, als Stil anerkannt zu werden. Antiquitäten mussten schon ein Alter von 100 Jahren aufweisen, um als solche bezeichnet zu werden. Und das war natürlich auch schon immer eine Stilfrage! Vielleicht ist es auch ganz einfach so, dass erst in einer Nachschau viele Jahre später die Möglichkeit gegeben ist, die Produkte oder die Lebensweise einer Epoche stilistisch einzuordnen.

Wie haben festgestellt, dass die Unbekümmertheit und florale Beschwingtheit des Jugendstils durchaus als eine Antwort im Sinne einer Antithese zur Kunst und Architektur der Gründerzeit anzusehen war. Der Jugendstil befreite sich quasi von dem Schwerlastenden, dem Schwülstigen der ihm vorausgehenden Epoche, in welcher insbesondere die neue gesellschaftliche Schicht, das Unternehmertum, also die Besitzer der vielen im Zuge der industriellen Revolution ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Unternehmen (daher die Bezeichnung Gründerzeit!), ihren Reichtum durch Adaption und Übernahme antiker Formen sowie Wiederauflebung der Formensprache der Gotik, der Renaissance, des Barock oder des Rokoko in Gebäuden oder Möbeln zur Schau stellten. Das Geld für die großartigen Bauten stammte allerdings auch zu einem guten Teil aus den Reparationsleistungen Frankreichs nach deren verlorenem Krieg.

Inneneinrichtung eines französischen Dampfschiffes im Stil des Art Deco. Darstellung auf einer zeitgenössischen französischen Postkarte

Inneneinrichtung im Stil des Art DecoHerkunft des Begriffes Art Deco

Der Jugendstil verschwand in den 20er Jahren. Es waren die sogenannten wilden 20er Jahre; manche bezeichnen sie auch als die verrückten 20er Jahre. In Europa wurden die Jahre nach dem fürchterlichen 1. Weltkrieg regelrecht genossen, in den Großstädten schossen die Varietees aus dem Boden, die Zeiten galten als lasterhaft. In dieser Zeit kam man, was die dekorative Kunst betraf, aber auch was Haushaltsgegenstände, Gebrauchsgegenstände, Architektur betraf, ab von den floralen Elementen des Jugendstils; es entwickelten sich immer mehr geometrische Formen. Dies konnten Kreise sein oder Quadrate, Rechtecke, Linien. Alles wurde stilisiert und geometrisiert. Natürlich stand auch der Kubismus Pate, jene revolutionäre Kunstrichtung, welche Abstraktion mit würfelartigen Formen herbeizuführen versuchte. Es war auch eine Epoche, die angetreten war, die Aufhebung der Trennung der Kunst vom Alltagsleben zu betreiben. Wir kennen dies vom Bauhaus, vom Werkbund, von der Wiener Werkstätte. Sie alle waren von derselben Idee getrieben, vom Design her allerdings höchst unterschiedlich.

Es war im Jahre 1966, als man im Rahmen einer Retrospektive der 20er Jahre auch auf die Weltausstellung für Industrie- und Kunstdesign in Paris Bezug nahm, welche im Jahre 1925 Millionen von Besuchern anzog. Ab diesem Zeitpunkt, nämlich 1966, bezeichnete man das Design jener Zeit etwa von 1915 bis 1935 als Art Deco. „Art Deco“ ist hierbei abgeleitet eben vom Titel jener Ausstellung in Paris, welcher auf französisch lautet: „Exposition Internationale des Arts Decoratifs et Industriels Modernes.“



Kennzeichen des neuen Stils – des Art Deco

Auf die stilisierenden und geometrisierenden Formen des Art Deco habe ich bereits verwiesen. Der neue Stil besaß bei aller Stilisierung auch noch die florale Ornamentik des Jugendstils, die Übergänge sind teilweise fließend. Auch schreckte man nicht bei Anleihen früherer historischer Stile zurück. Auch solche Richtungen unterlagen der Stilisierung. Typisch waren zudem auch die scharfen Brüche zwischen unterschiedlichen Motiven, die schon Collage-artigen Charakter besaßen. Diese klaren Umrisse lösten die verschwungenen Linien des Jugendstils ab. Butterbehälter im Stil des Art Deco

Buttergefäß im Stil des Art Deco

Wenn stilisierende Flora verwendet wurde, stand zumeist das Blatt der Agave Pate. Auch die Mode trug zum unverwechselbaren Stil dieser Epoche bei. Ganz typisch sind einem bei Frauen die Röcke in Erinnerung, der Bubikopf mit dem Stirnband. Am Stirnband war zumeist eine Feder oder etwas Ähnliches befestigt. Die Frauen trugen zudem glockenförmige Hüte. Das vielleicht Typischste der „verruchten“ Frau der 20er und 30er Jahre was die Zigarettenspitze, die sie elegant mit langem Dekohandschuh in der Hand hielt. Überhaupt hielt das Art Deco eine Vielzahl an Accessoirs für die Frau bereit, wenn ich an die unterschiedlichen Puderdosen oder Parfümflakons dieser Zeit denke. Auch der Schmuck übernahm die stilisierenden Formen. Als neues Material neben den schon bekannten Edel- und Halbedelsteinen sowie Edelmetallen, Metalllegierungen oder Emaille kam der kurz zuvor von Leo Baekeland erfundene duroplastische Kunststoff Bakelit, und dieser in unterschiedlichsten Farben, zum Einsatz.



Unverwechselbar sind neben dem Jugendstil beziehungsweise dessen französischem Pendant Art Nouveau die Einflüsse der Wiener Werkstätte auf die dekorative Kunst, das Art Deco. Der Anspruch der Wiener Werkstätte auf homogener Durchgestaltung jedes Einzelobjektes sowie der Durchdringung auch des Alltagslebens und damit auch der Alltagsgegenstände mit Kunst ist ja auch zum Credo des Art Deco geworden. Ebenso groß waren die Einflüsse der Entdeckungen der damaligen Ausgrabungen in den Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Die Bubikopf-Frisuren ähnelten auch der Frisur Cleopatras; Pyramidenmuster und die Zickzack-Ornamente auf antiken Gegenständen wie Vasen und Krügen bereicherten die Modevielfalt der Zeit. Apropo Vielfalt: Nicht nur das Art Deco, das ja erst 1966 erst „richtig entdeckt“ wurde, bestimmte die Mode und glamouröse Alltagswelt der damaligen Zeit. Die Antwort auf die Schwere der Gründerzeit sowie dessen Gegenpol, dem Jugendstil, hielt nicht nur die dekorative Kunst bereit.

Die anderen Einflüsse

Neben der dekorativen Kunst bereicherten auch der Einfluss des Expressionismus, die schon erwähnte Wiener Werkstätte, das Bauhaus oder die Neue Sachlichkeit den Alltag der Zeit von Gebrauchsgegenständen bis zur Architektur. Sie alle suchten eine Antwort auf den Historismus der Gründerzeit. Einfluss auf das Alltagsleben bedeutet, dass die dekorative Kunst auch die Buchkunst, die Bearbeitung von Porzellan, von Glas, von Werbeplakaten, von Grafik, von Keramik und so weiter mit einbezog. Diese Einflüsse kamen in Zeitschriften und Gewerbeausstellungen zum Ausdruck. Vielfach über- und verschnitten, vermischten sich die angesprochenen Stile, so dass es oftmals schwierig ist, einen Gegenstand eindeutig zuzuordnen. Aber das muss auch gar nicht sein. Das glamouröse und mondäne Leben der Zeit nach dem 1. Weltkrieg war vielleicht so etwas wie ein befreites Aufatmen; das Art Deco war durchaus typisch hierfür und für die Weimarer Republik. Es war die zeitgemäße Ausdrucksform für diesen Lebensstil. Insbesondere war natürlich alles, was mit dem glamourösen, mondänem Leben zu tun hatte, vom Art Deco geradezu durchsetzt, seien es Lichtspieltheater mit ihrer Architektur und Innenausstattung, Varietees oder aber die Ozeanriesen der damaligen Zeit wie die Titanic. Und die dekorative Kunst war weltumspannend. Seit Beginn des 20. Jahrhundert war die Entwicklung nicht nur in der Schifffahrt, sondern auch bei den technischen Medien, den Telekommunikationsmedien voll im Gange, so dass im Unterschied zu den historischen Stilen diese Stil transportiert werden konnte, nach Asien, in die USA und mit neuen Einflüssen auch von dort wieder nach Deutschland und Europa zurück. In Deutschland war die Zeit des Art Deco mit dem Zusammenbruch der Weimarer Republik beendet; in den USA hielt sie sich noch bis in die 50er Jahre als sogenannter Stromlinienstil. Er ist dort insbesondere an den den Wolkenkratzern der Großstädte zu bewundern.

Das Art Deco war allerdings keine Massenbewegung

So verbreitet das Art Deco war, es war jedoch weit davon entfernt, eine Massenbewegung zu sein. Das Alltagsleben der einfachen Leute, der „breiten Masse“, hat diese Bewegung der Elitären, nie so richtig erreicht. Das wollte sie auch gar nicht. Schon die Auswahl ihrer Materialien baute Distanz auf. Teure Holzarten wie Teak, Palisander, Kristallglas oder gar Bronze oder Elfenbein konnte sich der Durchschnittsverdiener überhaupt nicht leisten. Das Art Deco entstand eher in Ateliers, in vielen Einzelleistungen. Die Massenproduktion war nie ihr Anliegen. Insofern unterschied sich der dekorative Stil schon vom Anliegen etwa des Bauhauses, Design am Fließband produzieren zu wollen. Mit Ende des Glamourösen und Mondänen der 20er und vielleicht noch Beginns der 30er war das Art Deco eigentlich am Ende. Für mich war es untrennbar mit diesem Lebensstil verbunden. Zwar wurde der dekorative Stil auch noch in den 50er Jahren nachgeahmt, aber durch die Trennung vom Glamourösen und Elitären wirkt es eher wie aufgesetzt und künstlich.

Ein Kommentar über “Art Deco”

  1. Biggi schrieb:
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    Hallo liebe Sammler des Art Deco!
    Ein kleiner Tipp von mir:
    Falls ihr euch einmal in Darmstadt befindet, empfehle ich unbedingt einen Besuch in der Antik Galerie (Schulstraße 1). Obwohl Darmstadt als Hochburg des Jugendstils gilt, gibt es in diesem einzigartigen Geschäft (eine Art begehbare Schatztruhe) wunderschöne Stücke aus der Zeit des Art Déco zu bestaunen und zu kaufen. Die Preise sind für diese ausgefallenen Arbeiten angemessen und mit etwas Verhandlungsgeschick erzielt man schnell noch einen Rabatt.
    Liebe Grüße
    Biggi

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